Chinas Regierung steckt in einem Dilemma

Die offiziellen Zahlen zur wirtschaftlichen Entwicklung in der Volksrepublik China waren beeindruckend und sind es noch immer. Wie gerne würden die Staaten der Eurozone ein Wirtschaftswachstum von 6,2 Prozent vorweisen können. Hierzulande würden sich die Politiker auf Händen tragen lassen, könnten sie ihren Wählern solche Zahlen präsentieren.

Doch die guten Zahlen aus dem Reich der Mitte haben auch einen gravierenden Nachteil. Sie verdecken, dass Chinas Wachstumsmodell allmählich an seine Grenzen stoßt und sie täuschen darüber hinweg, dass viele der bewährten Rezepte zur Steuerung der chinesischen Wirtschaft nicht mehr funktionieren.      

Die erfreulichste Komponente der vorgelegten Zahlen für den Juni ist nicht das Wirtschaftswachstum in Summe, sondern der Hinweis, dass die Einzelhandelsumsätze und die Investitionen stärker stiegen als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Die im Vergleich zum rückläufigen Außenhandel höhere Dynamik der Entwicklung im Inland zeigt, dass der Plan der Regierung in Beijing, die Inlandskonjunktur zu stärken zunehmend Früchte trägt.

Für alle Länder weltweit entscheidend sind jedoch die Zahlen zum Außenhandel. Sie deuten eine Schrumpfung der wirtschaftlichen Aktivität an. Chinas Exporte waren im Juni um 1,3 Prozent rückläufig, die Importe sanken sogar um 7,3 Prozent. Für Länder wie Deutschland, die einen großen Teil ihrer Ausfuhren ins Reich der Mitte verschiffen, sind das keine guten Nachrichten.

Keine Trendwende in Sicht

Obwohl die Zahlen für den Juni wieder etwas besser ausfielen als jene für den Mai und April, kann von einer grundsätzlichen Trendwende keine Rede sein. Im Gegenteil: Der Führung in Beijing wird zunehmend bewusst, dass die alten Rezepte zur Lenkung der Wirtschaft durch den Staat nicht mehr funktionieren. Der Grund hierfür ist die gewachsene Komplexität der chinesischen Wirtschaft.

Hatte die Führung in Beijing früher einfach nur massive öffentliche Investitionen angestoßen, die Kreditvergabe gesteuert und die subventionierten Staatskonzerne gegenüber den privaten Unternehmen bevorzugt, laufen diese Maßnahmen heute zunehmend ins Leere.

Nicht die großen Staatskonzerne, sondern die privaten Unternehmen sind heute die Stütze der chinesischen Wirtschaft. Sie sind innovativ und schaffen Arbeitsplötze. Aber an Kredite zu kommen, ist für diese Unternehmen immer noch sehr schwer, denn Chinas Banken verleihen Geld lieber an die großen Staatskonzerne.

Diese sind zwar ineffektiver und vielfach auch schon faktisch pleite. Doch die Bankmanager wissen, dass sie nicht auf ihren Forderungen sitzen bleiben, sondern ihr Geld notfalls von der Regierung bekommen werden. Auch Chinas Bankmanager ist das eigene Hemd im Zweifel näher als die Hose.

Gleiche Maßnahmen deutlich schwächere Wirkung

Um den sich abzeichnenden Abschwung nicht in eine große Krise ausarten zu lassen, werden Chinas Planer vermutlich schon bald in gewohnter Weise eingreifen. Sie werden die Zinsen senken, neue Infrastrukturmaßnahmen beschließen und den privaten Konsum ankurbeln. Dass alles wird eine gewisse Erleichterung schaffen. Wirklich lösen wird es die Probleme des Landes nicht.

Dazu müsste sich die Regierung von einem Grundsatz trennen, der ihr heilig ist. Sie müsste die staatliche Kontrolle der Wirtschaft zurückfahren und die Dominanz der Staatskonzerne beenden. Das würde für den privaten Wirtschaftssektor mehr Freiheit und Selbstbestimmung bedeuten, für die Regierung aber weniger Kontrolle.

Weil diese aber um jeden Preis erhalten werden soll, wird man sich vermutlich mit den alten Rezepten begnügen. Diese zeigen aber ähnlich wie im Westen immer weniger Wirkung. Das unabhängige Analysehaus Rhodium Group hat ermittelt, dass jeder von der Regierung investierte Yuan heute nur noch halb so viel wirtschaftlichen Output erzeugt wie noch vor zehn Jahren.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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