Kommt der Kommunismus über die Datenautobahn des Kapitalismus?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 30. August 2019

Friedrich August von Hayek, ein liberaler Ökonom der österreichischen Schule der Nationalökonomie, führte das Scheitern aller planwirtschaftlichen Experimente darauf zurück, dass der Staat bei seiner Planung nur veraltete Informationen zur Hand hat. Dem gegenüber weiß der Markt quasi in Echtzeit, wie viele Fahrzeuge, Kühlschränke und Mäntel produziert werden müssen. So kann er sich blitzschnell auf Veränderungen einstellen, während der Vier- oder Fünfjahresplan dem veränderten Bedarf immer hinterherhinkt.

Auch Jack Ma, der Gründer des chinesischen Internethändlers Alibaba, ist der Meinung, dass der sozialistische Staat bei seiner Planung gescheitert ist, weil er nicht über genügend Informationen verfügte, um den Markt effektiv steuern zu können. Anders als Friedrich August von Hayek, sieht Jack Ma dieses Informationsdefizit heute jedoch nicht mehr als gegeben an.

Unternehmen wie Alibaba, Amazon, Google oder Facebook verfügen über diese Informationen nun in Echtzeit und es existieren Computer, die so schnell sind, dass ihre Rechenkapazität vollkommen ausreicht, um die vielen Pannen und Planungsfehler der Vergangenheit vergessen zu machen.

Das Wissensproblem wäre damit gelöst und der real existierende Sozialismus hätte damit zumindest theoretisch die Chance, genauso gut und paradiesisch zu werden, wie sich die Kommunisten ihren Sozialismus immer erträumt haben. So träumt inzwischen nicht nur der Milliardär Jack Ma davon, dass in Zukunft eine unsichtbare Hand unser Leben steuern und all unsere Bedürfnisse frühzeitig erkennen wird.

Alles nur eine Frage der Daten?

Gerade die Internetkaufhäuser Alibaba und Amazon verfügen über so viele Daten, dass sie bereits heute ziemlich genau abschätzen können, was morgen in den verschiedenen Regionen nachgefragt werden wird. Der Computer kann damit nicht nur den aktuellen Bedarf bestimmen und ihn optimal befriedigen. Auch eine Art künstlicher Preisbildungsmechanismus ist vorstellbar.

Schon heute treffen Notenbanken wie die Federal Reserve Bank in den USA oder die Europäische Zentralbank ihre Entscheidungen nach makroökonomischen Modellen, die auch die Häufigkeit, mit der bei Google nach bestimmten Begriffen gesucht wird, in ihren Analysen berücksichtigen.

Neu ist die Idee, den Computer die Steuerung der Wirtschaft übernehmen zu lassen, nicht. Schon im Jahr 1967 entwickelte der polnische Wirtschaftswissenschaftler Oskar Lange die Idee einer „elektronischen Analog-Maschine“. Sie sollte die Mechanismen des Marktes nach dem Versuchs-Irrtums-Prinzip simulieren.

In ihrem 1993 erschienenen Buch Towards a New Socialism folgten der schottische Informatiker Paul Cockshott und der amerikanische Wirtschaftsprofessor Allin Cottrell diesem Gedanken. Sie schlugen ein System computergestützter Planung vor, mit dem das Verhalten der einzelnen Wirtschaftssubjekte in allen Einzelheiten simuliert werden kann.

Hat der Staat bald alles unter Kontrolle?

Ob es wirklich so ist, dass Amazon, Google und Alibaba bereits wissen, was wir brauchen, lassen wir einmal dahingestellt sein. Amazon geht sogar noch einen Schritt weiter. Das Unternehmen glaubt, Ihren Bedarf bereits erkennen zu können, bevor Sie ihn selbst verspürt haben.

Dazu hat das Unternehmen im Jahr 2014 das Patent auf ein neues Vorbestellsystem angemeldet. Mit diesem anticipatory shipping-System genannten Berechnungsmodell glaubt Amazon zu wissen, was die Verbraucher benötigen, und weil heute alles sehr schnell gehen muss, werden die Waren bereits in die entsprechenden Regionen versandt, noch bevor sie überhaupt im Internet bestellt wurden.

Es ist schon eine gewisse Ironie der Geschichte, wenn die sozialistischen Phantasien einer perfekten Planung ausgerechnet durch die ungehemmte Datensammelwut eines kapitalistischen Unternehmens neuen Auftrieb erhält und die Idee einer auf Computer und extreme Rechenleistung gestützte Kommandowirtschaft die Herzen auf der linken Seite des politischen Spektrums höher schlagen lässt.

Für uns als betroffene Individuen ist es eigentlich egal, ob ein kommunistischer Planer oder ein kapitalistisches Unternehmen wie Amazon, Google oder Alibaba meint, uns führen zu müssen. Im einen wie im anderen Fall haben wir nur noch die Konsumenten einer vorgegebenen Ideologie zu sein, entweder der des Sozialismus oder der, dass unser Heil im permanenten Konsum begründet sei.

Die Freiheit bleibt als Erstes auf der Strecke

Im einen wie im anderen Fall wird man sich an einem Punkt allerdings gewaltig stören und ihn vermutlich auch mit allem Nachdruck bekämpfen: an unserer individuellen, persönlichen Freiheit, die auch die Freiheit zum Nein umschließt.

Diese Freiheit passt in keines der beiden Systeme. Die Sozialisten haben ein Problem, wenn die Menschen sich nicht mehr von ihnen führen lassen wollen, und Amazon hat ein Problem, wenn die Menschen der Meinung sind, dass ihre Schränke bereits voll genug seien.

Also wird man die verweigerte Gefolgschaft im einen wie im anderen Fall bekämpfen, so wie sie in der Geschichte zu allen Zeiten bekämpft wurde, wenn die zu Führenden ihren Führern nicht mehr folgen wollten. Zunächst geschieht das mit wohl gemeinten Ratschlägen, dann mit Druck und schließlich mit ungehemmter Gewalt.

Es ist kaum anzunehmen, dass die, die sich im Besitz der Macht und der Machtmittel wähnen, zögern werden, diese Mittel auch anzuwenden. Wer daran zweifelt, braucht zur Anschauung in diesen Tagen nur nach Venezuela, Hongkong, Russland oder in die Türkei zu schauen.

Wem diese Länder zu weit entfernt sind, der schaut nach Frankfurt auf die EZB. Dort läuft man sich gerade warm bei dem Bemühen, Menschen, die keinen neuen Kredit und keine neuen Ausgaben wünschen, dennoch einen solchen unterzujubeln oder sie mittels negativer Zinsen in den Konsum zu zwingen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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