Argentinien bereitet den Anlegern wieder Sorgen

Das Ergebnis der jüngst in Argentinien durchgeführten Vorwahlen war für die Anleger ein Schock. Alte Ängste kamen sofort wieder auf und die Kurse der Aktien und Anleihen des Staates wurden in einer Rette-sich-wer-kann-Stimmung gnadenlos abverkauft, sodass Verluste von mehr als 50 Prozent nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel waren.

Nicht nur die Privatanleger, auch viele Profis wurden von den Ereignissen überrollt und auf dem völlig falschen Fuß erwischt. Die bekannte Investmentgesellschaft Franklin Templeton verlor mit ihren Fonds knapp 1,8 Milliarden US-Dollar. Andere Großanleger wie   verzeichneten ähnlich hohe Verluste mit ihren argentinischen Aktien und Bonds.      

Auch der Peso, die Währung des Landes ging in den freien Fall über. Gegenüber dem US-Dollar gab die Valuta um ein Viertel nach, eine Größenordnung, die an den Devisenmärkten einem Erdbeben der Stärke 7 bis 8 auf der Richterskala gleicht. So verwundert es nicht, dass an den Finanzmärkten kein Stein mehr auf dem anderen blieb und die Zinsaufschläge für argentinische Anleihen sich über Nacht auf rund 1.900 Punkte verdoppelt haben.

Ausgelöst haben diese Turbulenzen die Vorwahlen. Sie deuten an, dass Regierung des Landes bei den Wahlen im Dezember wieder von den Peronisten übernommen werden könnte. Deren Spitzenkandidat, Alberto Fernández, der frühere Kabinettschef der Ex-Präsidentin Christina Kirchner, hat die Vorwahlen mit großem Vorsprung für sich entscheiden können.

Zurück zu den alten Missständen?

Nun fürchtet der Markt eine Rückkehr zu jener linkspopulistischen Politik, die das Land unter Christina Kirchners Führung an den Rand des Abgrunds gebracht hatte. Die extreme Reaktion des Marktes wird verständlich, wenn man berücksichtigt, dass noch am Freitag vor der Wahl Prognosen über ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Alberto Fernández und dem amtierenden Präsidenten Mauricio Macri den Markt beflügelt und eine kleine Rallye ausgelöst hatten.

In Argentinien gelten die Vorwahlen eigentlich nur als ein Stimmungstest. Dieser hat das Land aber wieder an den Rand des Abgrunds katapultiert, denn auch wenn der amtierende Präsident die Wahl im Dezember doch noch für sich entscheiden sollte, ist ein Staatsbankrott kaum mehr zu vermeiden.

Der Grund für diese pessimistische Einschätzung ist die Angst der internationalen Anleger. Diese erwarten nun das Schlimmste und bei dieser Erwartungshaltung wird niemand bereit sein, dem Land oder seinen Unternehmen frisches Geld zur Verfügung zu stellen.

Der Ausfall der argentinischen Anleihen, ein Staatsbankrott mit nachfolgendem Schuldenschnitt wird so zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Wenn alle diese Entwicklung erwarten und sich entsprechend positionieren, kann die Regierung in Buenos Aires den Staatsbankrott kaum mehr vermeiden. So sehr der Präsident und die wirtschaftsfreundlichen Kräfte im Land sich gegen diese Entwicklung zu stemmen versuchen, die Regierung hat keine Instrumente in der Hand, mit denen sie die sich abzeichnende Entwicklung noch verhindern könnte.

Wenn das Interesse an der Katastrophe größer ist als das an der Lösung

Argentiniens Staatsschuld wird zu 80 Prozent in Dollar gehalten. Sie hat sich durch die Abwertung des Pesos relativ zum Bruttoinlandsprodukt im August dramatisch erhöht. Lag sie vor der Abwertung noch bei kritischen aber immer noch halbwegs akzeptablen 86 Prozent, ist die Schwelle von 100 Prozent in der Zwischenzeit überschritten. Damit wird ein Ausfall der Anleihen noch wahrscheinlicher als er ohnehin schon ist.

Die argentinische Notenbank hat den Leitzins in der Zwischenzeit auf 76 Prozent angehoben. Damit wird versucht, die Inflationsrate, die derzeit bei 56 Prozent liegt, in den Griff zu bekommen.

Dass sich die Lage bis zum Dezember beruhigt, ist kaum zu erwarten, denn von Alberto Fernández sind kooperative Schritte nicht unbedingt zu erwarten. Er weiß, dass ein Zahlungsstopp gegenüber dem Internationalen Währungsfonds und anderen ausländischen Gläubigern in Argentinien sehr populär ist.

Auch ein schwacher Peso dürfte dem 60-jährigen Anwalt durchaus ins Konzept passen begünstigt er doch Argentiniens Exporte und verschafft der Industrie einen gewissen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz aus dem Ausland.

Vor diesem Hintergrund geht man wohl nicht fehl, wenn man für die Anleger wie für die Menschen in Argentinien für die Zukunft schwierige Zeiten erwartet.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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