Gleitet Europas größte Volkswirtschaft bald in eine Rezession?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 9. September 2019

Wenn die Börsenkurse, wie allgemein angenommen wird, einen Vorgeschmack auf die kommende wirtschaftliche Entwicklung geben, kann es um Deutschland nicht mehr allzu gut bestellt sein, denn während die amerikanischen Börsen noch nahe ihren Hochs stehen, haben DAX, MDAX und Co. bereits den Rückwärtsgang eingelegt.

Die Industrieproduktion in Deutschland schrumpft und immer mehr Unternehmen sahen sich in den letzten Monaten gezwungen, ihre Prognosen zu kürzen und Gewinnwarnungen zu publizieren. Schlecht waren vor allem die Zahlen, die unlängst für das hinter uns liegende zweite Quartal gemeldet wurden.      

Besonders ärgerlich ist, dass die auf Schwäche hindeutende wirtschaftliche Tendenz durch Entwicklungen verschärft wird, die von Deutschland und der politischen und wirtschaftlichen Führung im Land nur wenig zu beeinflussen sind. Zu verweisen ist an dieser Stelle in erste Linie auf die Brexit-Problematik und den von US-Präsident Donald Trump vom Zaun gebrochenen Handelskrieg.

Die Konjunktur kühlt sich ab. Aber noch hat diese Entwicklungen den Arbeitsmarkt und die Beschäftigten nicht erreicht. Auch das ist ein Grund dafür, warum die aktuelle Lage vielen noch besser erscheint als sie tatsächlich ist. Doch die dunklen Wolken am Horizont sind unverkennbar.

Die fetten Jahre sind vorbei

Augenblicklich ist das Land zweigeteilt. Während die Industrieproduktion bereits negativ ist und das verarbeitende Gewerbe auf eine Rezession zusteuert, stellt sich die Lage im Dienstleistungssektor noch sehr robust und zufriedenstellend dar. Wir dürfen aber davon ausgehen, dass dieser Zustand nicht ewig anhalten wird.

Reagiert die Industrie auf die verändere Absatzlage mit Entlassungen, werden sich diese Kündigungen mit einem gewissen zeitlichen Verzug auch auf den tertiären Sektor negativ auswirken und auch hier zu einer verringerten Nachfrage führen.

Am besten lässt sich die unterschiedliche Entwicklung in Deutschland derzeit am Einkaufsmanagerindex ablesen. Während der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe mit 43,2 Punkten schon deutlich im negativen Bereich angekommen ist und so tief liegt wie seit Mitte 2012 nicht mehr, signalisiert der gleiche Index für den Dienstleistungssektor mit 54,5 Punkten noch ein starkes Wachstum.

In der Industrie und im produzierenden Gewerbe signalisieren derzeit 23 von 30 Sektoren eine negative Entwicklung. Das deutet darauf hin, dass wir es bei der aktuellen Entwicklung nicht mit einem Problem einzelner Branchen zu tun haben, das man ruhig vernachlässigen kann.

Nicht nur die im Fokus der Medien und der Investoren stehende Automobilindustrie schwächelt. Das gesamte verarbeitende Gewerbe ist betroffen und der tertiäre Sektor dürfte schon bald folgen. Da die Entwicklung bei Industrie und Dienstleistungen schon seit einiger Zeit auseinanderfällt, wächst die Sorge, dass sich der tertiäre Sektor dem allgemeinen Trend nicht mehr lange wird entziehen können.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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