Die Gefahr der Illiquidität wird sträflich unterschätzt

Bernd Heim
By Bernd Heim / 11. September 2019

Wenn Sie als Anleger Aktien im Depot haben, können Sie diese bequem mit einem Stoppkurs absichern. Fällt der Kurs der Aktie unter den zuvor von Ihnen definierten Schwellenwert erfolgt ein automatischer Verkauf. Als Anleger müssen Sie sich dabei im Grunde nur einmal Gedanken über die Höhe des Stopps machen. Alles andere erfolgt automatisch.

Handelt es sich bei der Aktie um einen Wert aus dem DAX, können Sie damit rechnen, dass der Handel so rege ist, dass sie auf ihrem Stoppkurs oder knapp darunter verkaufen können. Die Höhe des zuvor festgelegten Stopps definiert damit die Höhe des maximalen Verlusts oder, falls die Aktie bereits im Plus notierte, die Höhe des verbleibenden Gewinns.      

Haben Sie jedoch einen Exoten im Depot, der an deutschen Börsen nur mit sehr geringen Umsätzen gehandelt wird, sieht die Sache schon ganz anders aus. Zunächst müssen Sie sich sorgen, dass Ihr Stopp nicht von anderen Anlegern mit Einblick ins Orderbuch gefischt wird.

Selbst wenn diese Gefahr nicht gegeben ist, besteht immer noch kein Anlass sich entspannt zurückzulehnen und den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen, denn in einer Krise greift der Stopp zwar, doch das Niveau der Ausführung ist alles andere als gut kalkulierbar.

Eine Sicherheit, die keine mehr ist

Je nach Marktlage kann das dazu führen, dass selbst ordentliche Buchgewinne sich am Ende in Luft auflösen und das Investment am Ende doch noch im Verlust endet. Diese Gefahr besteht aber nicht nur für uns kleine Privatanleger. Viel stärker sind Fonds, Versicherungen und andere institutionelle Anleger von ihr betroffen.

Die hier tätigen Manager werden sich vorkommen wie Kapitäne, die ein viel zu dickes Schiff in eine enge Schleuseneinfahrt steuern müssen. Das wird nicht ohne Blessuren und Schrammen gehen und wenn es ganz schlecht läuft, sinkt der Kahn bereits, bevor der rettende Hafen erreicht ist.

Erinnerungen an die Finanzkrise werden an dieser Stelle wach. Dass sich die Krise vor elf Jahren so schnell in einen Flächenbrand gewandelt hat, lag auch daran, dass die Liquidität extrem schnell austrocknete. Weil ein jeder Geld zum Stopfen von Löchern benötigte, wollten ab einem gewissen Punkt fast alle Anleger nur noch verkaufen.

Käufer suchte man hingegen vergeblich und wenn am Ende doch einer gefunden wurde, war sich dieser seiner starken Position natürlich vollkommen bewusst und hatte keine Bedenken, einen extrem tiefen Kaufpreis aufzurufen.

Weil der dadurch gestellte Kurs andere Anleger ebenfalls in Verlegenheit gebracht hat oder Stopps ausgelöst wurden, geriet schnell eine Verkaufslawine ins Rollen, die erst auf der Nulllinie gestoppt zu werden drohte.

Wiederholung ausgeschlossen?

Dass eine Wiederholung dieser Zustände heute ausgeschlossen sein soll, ist eine angenehme Hoffnung, auf die man sich als Anleger im Zweifel besser nicht verlassen sollte. Warum das so ist, zeigt ein Blick nach Argentinien. Hier bekamen die Anleger in den letzten Wochen einen Vorgeschmack auf das, was auch an anderen Märkten leicht geschehen könnte, wenn die sicher geglaubte Liquidität eines Tages plötzlich nicht mehr gegeben ist.

Dass der Kurssturz nach der Niederlage von Präsident Mauricio Macri in den Vorwahlen so groß ausfiel, lag auch an der Abwesenheit von ernstzunehmenden Marktmachern und Brokern. Schuld an dieser Misere sind nicht die Broker und Investmentbanken, die sich aus eigenem Entschluss von diesen überverkauften Märkten fernhielten.

Eine wichtige Rolle spielte bei dem Desaster auch die vorangegangene Regulierung. Sie hat dafür gesorgt, dass der Handel in den kleineren und damit weniger liquiden Sektoren zunehmen unattraktiver wird.

So bleiben ihm heute wichtige Marktteilnehmer fern, die vor elf Jahren noch in diesen Segmenten aktiv waren. Ihr Fehlen ist ein systemisches Problem, das die Vorgänge in Argentinien schlagartig deutlich gemacht haben.

Es kann nicht dauerhaft unbemerkt und folgenlos bleiben, wenn in einzelnen Marktbereichen der Wertpapierbestand bei den Market Makern um 90 Prozent abgenommen hat. Mit den Marktmachern fehlt auch die Liquidität und dieses Fehlen dürfte dem Markt schon bald ernsthafte Probleme bereiten.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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