Keine Angst vor Rezessionen

Bernd Heim
By Bernd Heim / 23. September 2019

Rezessionen gehören zum Wirtschaftszyklus. Man muss sie nicht mögen, aber man sollte sie auch nicht verteufeln, bieten sie doch die Chance der kreativen Zerstörung. Der vom österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter kreierte Begriff meint den Untergang von alten Strukturen und Firmen, die keine Zukunft mehr haben. An ihre Stelle treten neue Projekte und Unternehmen.

Trotzdem fürchten Anleger eine Rezession wie der Teufel das Weihwasser. Sie haben auch allen Grund dazu. Zwar verlieren die Börsen während einer Rezession im Schnitt nur vier Prozent ihres Werts. Doch diese Durchschnittsangabe verschleiert die Berg- und Talfahrt, welche die Kurse während der Dauer der Rezession vollziehen.     

Besonders ausgeprägt waren die Schwankungen während der letzten Rezession in der Finanz- und Wirtschaftskrise. Damals gaben die Kurse zunächst um 50 Prozent nach nur um zum Ende der Rezession wieder um 40 Prozent anzusteigen. Auch wenn der durchschnittliche Verlust mit vier Prozent überschaubar ausfällt, kann es auch für langfristige Investoren dennoch sehr sinnvoll sein, in der Krise frühzeitig zu reagieren und das eigene Geld durch rechtzeitige Verkäufe zu schonen.

Doch wann ist der richtige Zeitpunkt zum Verkauf gekommen? Die Statistik ist an dieser Stelle recht eindeutig. Wie Analysten der US-Investmentbank Morgan Stanley ermittelt haben, ist der offizielle Beginn einer Rezession kein guter Verkaufszeitpunkt. Eine Rezession hat offiziell begonnen, wenn die Wirtschaft eines Landes sich in zwei Quartalen hintereinander negativ entwickelt.

Als wichtiger Vorbote für eine Rezession wird die Inversion der Zinskurve angesehen. Damit ist gemeint, dass die kurzfristigen Zinsen höher sind als die der langlaufenden Anleihen. Normalerweise ist es genau anders herum. Aus diesem Grund hat die jüngste Inversion der US-Zinskurve im Sommer für reichlich Unruhe unter den Investoren gesorgt.

Deutschland steht kurz vor einer Rezession

Im letzten Jahr stand die deutsche Wirtschaft kurz davor, in eine Rezession abzurutschen, denn im dritten Quartal war das Wachstum negativ. Weil das vierte Quartal wider Erwarten mit einer schwarzen Null endete, blieb die Rezession zunächst aus. Sie könnte aber in diesem Jahr beginnen, denn das zweite Quartal brachte das von vielen befürchtete negative Wachstum.

Soll ein Anleger deshalb Anfang Oktober seine Aktien verkaufen, wenn das deutsche Wirtschaftswachstum im dritten Quartal erneut negativ ausgefallen sein sollte? Oder sollte man gar nicht erst auf den Oktober warten, sondern jetzt schon verkaufen, weil die US-Zinskurve schon im Sommer negativ geworden ist?

Die Studien von Morgan Stanley sagen nein. Sie beziehen sich zwar auf den US-Markt und orientieren sich dabei am marktbreiten S&P500-Index. Doch da der DAX den US-Vorbildern mehr oder weniger folgt, sind die Ergebnisse aus den USA auch für die Anleger in Europa von Bedeutung.

Morgan Stanley hat herausgefunden, dass in der Regel im Durchschnitt noch zwei Jahre verstreichen, ehe der Aktienmarkt nach der Inversion der Zinskurve seinen Höchststand erreicht. Das passt zu der alten Börsenweisheit, dass Bullenmärkte in Euphorie zu sterben pflegen. Diese ignoriert die aufkommende Rezessionsgefahr und treibt die Kurse gerade zum Ende eines Zyklus in schwindelerregende Höhen.

In der Krise sind Gold und Staatsanleihen sehr gefragt

Danach geht es aber schnell und dann auch fast nur noch abwärts. Nur in der Rezession des Jahres 1980 blieben die Verluste im einstelligen Prozentbereich. In den anderen Rezessionen des 20. Jahrhunderts verloren die US-Aktien zwischen 17 und 43 Prozent ihres Werts.

Anleger, die diese herben Verluste vermeiden wollten, sind in der Vergangenheit mit Gold und Staatsanleihen recht gut gefahren. Das Gold hat sich in den früheren Rezessionen leicht positiv entwickelt. Es könnte diese Funktion auch jetzt wieder wahrnehmen. Schwieriger ist die Lage bei den Staatsanleihen, denn diese weisen mittlerweile eine negative Rendite auf.

Diese bis zur Neige auszukosten, indem man die Anleihe bis zur Fälligkeit hält, dürfte keine gute Idee sein. Aus diesem Grund könnten viele Anleger bei zukünftigen Rezessionen verstärkt auf Liquidität und Gold setzen und um die Staatsanleihen mit naher Fälligkeit einen Bogen machen.

Flüchten können die Anleger gerne. Sie sollten aber die Rückkehr an den Aktienmarkt nicht vergessen. Dieser hat nämlich die Angewohnheit, in den meisten Fällen schon deutlich vor dem offiziellen Ende einer Rezession wieder anzuspringen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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