Als Anleger sollten Sie das nationale Bruttoinlandsprodukt ignorieren

Bernd Heim
By Bernd Heim / 25. September 2019

In den 1960er Jahren waren Investoren gut beraten, bei der Auswahl ihrer Aktien einen Blick auf die Entwicklung der nationalen Volkswirtschaften zu werfen. Wer dieser Prämisse folgte und beispielsweise in japanische Aktien investierte, weil das japanische BIP in diesem Jahrzehnt sehr stark anstieg, der machte als Investor keinen Fehler.

Heute im Zeitalter der Globalisierung ist es allerdings ein Fehler, bei der Auswahl seiner Aktien zu sehr auf die Entwicklung der nationalen BIPs zu achten. Ein gutes Beispiel dafür ist Irland. Innerhalb der EU ist die Insel gerade für US-amerikanische Unternehmen zu einem Steuerparadies geworden.

Das führt zu absurden Zahlen. So beschäftigt Apple in Irland beispielsweise nur 6.000 Mitarbeiter. Diese erwirtschaften allerdings angeblich 60 Prozent des gesamten Konzernumsatzes. Damit steht jeder irische Mitarbeiter bei Apple für 25 Millionen US-Dollar Umsatz. Bei anderen Firmen sind die konkreten Zahlen anders, die Verhältnisse aber ähnlich.

Auf der Insel leben aber nur fünf Millionen Iren. Sie können beim besten Willen nicht so viele Computer und iPhones kaufen, sodass jeder irische Apple-Mitarbeiter im Schnitt für 25 Millionen US-Dollar Umsatz verantwortlich ist. Aus diesem Grund macht es für Investoren überhaupt keinen Sinn, gezielt in irische Aktien zu investieren, nur weil das irische Bruttoinlandsprodukt wie im Jahr 2015 um sagenhafte 34,4 Prozent gestiegen ist.

Was in den 1960er Jahren galt gilt heute nicht mehr

Überträgt man die irische Erfahrung einmal auf andere Länder, wird schnell deutlich, warum die Entwicklung am Aktienmarkt in vielen Ländern nicht der Veränderung des Bruttoinlandsprodukts folgt. Wäre es anders, müsste der chinesische Aktienmarkt die Wall Street seit Jahren hoffnungslos abgehängt haben.

China wuchs in den Jahren zwischen 2000 und 2018 durchschnittlich um 9,5 Prozent. Für die USA lag das Wachstum des BIPs im gleichen Zeitraum bei bescheidenen 1,8 Prozent. Deutschland kam im gleichen Zeitraum auf ein Wachstum von 1,3 Prozent, die Schweiz auf 1,9 Prozent.

China hat die westliche Konkurrenz somit um den Faktor fünf abgehängt. Dennoch haben sich die Aktien an der Wall Street besser entwickelt als jene im Reich der Mitte oder die in der Schweiz. Ein Grund für diese Diskrepanz ist gewiss, die Dominanz Amerikas in Finanzfragen. Das führt zwangsläufig dazu, dass im Zweifel lieber in US-Unternehmen investiert wird als in Aktien aus Deutschland oder der Schweiz. Vom exotischen China gar nicht erst zu sprechen.

Ein anderer Grund für die Diskrepanz zwischen der Entwicklung des Aktienmarktes und des nationalen BIPs ist die Struktur der einzelnen Volkswirtschaften. Bei uns in Deutschland kommt dem Mittelstand eine große Bedeutung zu. Geht es dem Mittelstand gut, glänzt das Land mit einem hohen BIP. An der Börse notiert sind die meisten dieser Unternehmen jedoch nicht.

Chinas Wachstum spiegel sich an der Börse seit Jahren nicht wider

Ähnlich ist die Situation in China. Auch dort geht ein großer Teil des Wachstums auf junge Unternehmen zurück, die meist in privater Hand sind und nicht an den Börsen in Shanghai und Shenzhen notiert sind. Dort werden vielmehr die Aktien der großen Staatskonzerne gehandelt. Sie gelten im Inland wie unter den ausländischen Investoren als schwerfällig und wenig innovativ. Als große Wachstumstreiber sind sie bislang nicht aufgefallen.

Zwar hat die chinesische Wirtschaft und Gesellschaft in den letzten zwanzig Jahren eine dramatische Veränderung vollzogen und aus einem Land mit einer extrem hohen Armutsquote von 88 Prozent ist ein prosperierender Staat mit einer immer breiter und wohlhabender werdenden Mittelschicht geworden.

Doch an den Börsen in Shanghai und Shenzhen spiegel sich diese Entwicklungen in den Aktienkursen überhaupt nicht wider. Deshalb macht es anders als in den 1960er Jahren im Fall von Japan derzeit keinen Sinn, blind auf chinesische Unternehmen zu setzen und darauf zu hoffen, dass deren Kurse sich aufgrund des höheren Wachstums in den kommenden Jahren besser entwickeln werden als amerikanische oder europäische Firmen.

Dass sich kurzfristig an dieser Situation etwas ändern soll, ist nicht zu erwarten. China wird auch weiter deutlich stärker wachsen als die Länder im Westen. Davon profitieren werden aber nur jene Anleger, die eine sorgfältige Aktienauswahl betreiben und sich jene Aktien ins Depot legen, die einen besonders starken Anteil am Wachstum des chinesischen Bruttoinlandsprodukt haben.

Wer als Investor hingegen undifferenziert auf den breiten chinesischen Gesamtmarkt setzt, dürfte enttäuscht werden und möglicherweise sogar Geld verlieren. Deshalb könnte der S&P500 trotz geringerer Wachstumsraten im Vergleich zu den chinesischen Indizes am Ende doch das besser Investment sein.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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