Die EZB und das frisch gedruckte Geld – oder wenn Medizin zum Gift wird

Bernd Heim
By Bernd Heim / 2. Oktober 2019

Nicht einmal zehn Monate währte die vorsichtig angekündigte und immer wieder hinausgezögerte Normalisierung der Geld- und Zinspolitik der Europäischen Zentralbank. Seit dem 12. September wird wieder zurückgerudert und der geldpolitische Ausnahmezustand wird unverblümt zur neuen, permanenten Normalität erklärt.

Dass sich daran in den nächsten Monaten unter der neuen Chefin Christine Lagarde etwas ändern wird, ist nicht zu erwarten. Vor dem Europäischen Parlament erklärte die designierte Nachfolgerin von Mario Draghi, dass sie die extrem lockere Geldpolitik unterstützt. Änderungen will sie nur bei der Kommunikation vornehmen.       

Christine Lagarde will den Bürgern in Europa erklären, dass keine Maßnahme ohne Nebenwirkungen auskommt, und dass man manchmal erst die negativen Aspekte kennenlernen muss, bevor sich am Ende die positiven Aspekte durchsetzen werden. Das klingt sehr nobel, geht aber am Kern des Problems vorbei.

Die Eurozone lebt seit gut zehn Jahren im geldpolitischen Ausnahmezustand. Gelöst wurden die Probleme aber immer noch nicht. Es können auch noch weitere zehn Jahre ins Land gehen. Auch sie werden nichts daran ändern, dass man strukturelle Probleme nicht mit Geld aus dem Nichts bekämpfen kann.

Weiter so mit Vollgas gegen die Wand

Die Notenbank hat der Politik mit ihrer expansiven Geldpolitik Zeit für die notwendigen Strukturreformen erkauft. Allerdings erwiesen sich die Politiker als typische Günstlinge. Sie nahmen das Geschenk der niedrigen Zinsen und damit der preiswerten Refinanzierung der Staatsschulden dankbar an, schoben die Reformen aber immer wieder hinaus.

Es ist durchaus zu erwarten, dass dieses unheilvolle Spiel auch in den kommenden Jahren seine Fortsetzung finden wird. Damit werden die negativen Folgen der expansiven Geldpolitik aber nicht beseitigt. Im Gegenteil: Sie wirken weiter und es ist damit zu rechnen, dass die unbeabsichtigten Nebenwirkungen der Geldpolitik am Ende schwerer wiegen werden als die Vorteile.

Damit würde sich einmal mehr die Erkenntnis des Schweizer Naturphilosophen Paracelsus bestätigen. Er hat seine Zeitgenossen schon im 16. Jahrhundert darauf hingewiesen, dass die Dosis darüber entscheidet, ob eine Substanz als Medizin oder Gift wirkt. Heute schlägt man seine Erkenntnis im Frankfurter EZB-Tower in den Wind und hofft darauf, dass es in der Frage der negativen Zinsen anders sein wird.

Dass hier der Wunsch Vater des Gedankens ist, wird schnell offensichtlich, denn von den negativen Zinsen und dem vielen Geld aus dem Nichts profitieren nur noch einzelne Gruppen der Gesellschaft, die Schuldner, die Immobilienbesitzer und die Aktionäre. Ihr Schuldendienst bleibt weiterhin bezahlbar, während die Preise ihrer Assets in immer höhere Regionen steigen.

Wenige profitieren, viele leiden

Die Sparer hingegen werden schleichend enteignet. Ob die Banken es überleben werden, dass man ihnen dauerhaft das Geschäftsmodell untergräbt, ist eine weitere spannende Frage. Die Antwort der Börse ist an dieser Stelle an Eindeutigkeit nicht zu überbieten. Bankaktien sind schon seit Jahren alles andere als beliebt. Ihre Kurse kennen fast nur noch den Weg in die Tiefe.

Dass für eine Deutsche Bank-Aktie vor Jahren noch Preise von 40,00 Euro bezahlt werden mussten, mutet heute wie ein Märchen aus 1001er Nacht an. Wie gefährlich die Lage bereits ist, sieht man an den Diskussionen, die derzeit in den USA geführt werden.

Dort wächst die Sorge, dass auch die US-Banken dem Vorbild ihrer europäischen Pendants folgen, sollten die von US-Präsident Donald Trump vehement geforderten negativen Zinsen eines Tages auch in den Vereinigten Staaten Wirklichkeit werden. Dass die Sorge durchaus berechtigt ist, wird im Finanzsektor inzwischen fast nur noch im Notenbanksektor bestritten.

Ein guter und verantwortlicher Arzt würde eine Medizin, die sich dank einer zu hohen Dosis in ein schleichendes Gift wandelt, schnell absetzen. Er würde vor allem handeln, bevor der gesamte Organismus unwiederbringlich geschädigt ist. Bei der EZB scheint aber niemand Medizin studiert zu haben. Hier will man die Dosis nicht verringern, sondern weiter erhöhen. Immer weiter bis der Geldjunkie sich eines Tages den goldenen Schuss gibt.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: