Die Opfer der lockeren Geldpolitik leben nicht nur im Norden der Eurozone

In der Öffentlichkeit werden die unbeabsichtigten und auch unerwünschten Folgen der lockeren Geldpolitik der westlichen Notenbanken inzwischen immer öfter diskutiert. Das geschieht aber zumeist recht einseitig aus der Perspektive der Industrieländer selbst. Gar nicht oder nur sehr selten berücksichtigt wird die Perspektive der Schwellen- und Entwicklungsländer.

Sie bestimmen die lockere Geldpolitik zwar selbst nicht mit, sind aber von ihren negativen Auswirkungen ebenfalls betroffen. Die dadurch weltweit entstehenden Übertragungseffekte sind unzweifelhaft vorhanden. Von der Fachwelt und der interessierten Öffentlichkeit wahrgenommen und in die allgemeine Diskussion eingebunden werden sie jedoch nicht.       

Der frühere indische Notenbankchef, Raghuram Rajan, hat deshalb unlängst auf einem Vortag in Zürich gefordert, den einseitigen, einzig auf die nationalen Interessen und Gegebenheiten gerichteten Blick bei der Analyse der Probleme gegen einen solchen zu tauschen, der auch die globalen Auswirkungen der getroffenen geldpolitischen Maßnahmen wahrnimmt und berücksichtigt.

Es sind nicht nur die Sparer in Deutschland, Österreich, der Schweiz oder in den Niederlanden die Opfer des billigen Geldes und seiner ungebremsten Ausweitung. Das viele Geld aus dem Nichts richtet überall auf der Welt Schaden an, weil es leicht verfügbar ist und die Menschen blind macht für die Risiken, die mit diesen Krediten verbunden sind.

Eine gefährliche Selbstzufriedenheit greift um sich

Raghuram Rajan legte während seiner Rede in Zürich den Finger in eine Wunde, die auch hierzulande zu selten diskutiert wird: Eine wesentliche Folge der überreich zur Verfügung gestellten Liquidität ist nicht wirtschaftlicher, sondern zunächst einmal psychologischer Natur. Erst in einem zweiten Schritt erwachsen aus ihr auch wirtschaftliche Konsequenzen.

Das Bild ist dabei überall auf der Welt das gleiche: Sowohl auf der privaten wie auf der betrieblichen Ebene fördert ein Zuviel an Liquidität die Selbstzufriedenheit der Menschen. Neue Kredite sind kein Problem mehr und über Probleme, die nicht mehr vorhanden sind, wird immer seltener nachgedacht und reflektiert.

Dieses Verhalten ist nicht nur in den Schwellen- und Entwicklungsländern zu beobachten. Ein prominentes Beispiel für diese Leichtfertigkeit im Umgang mit möglichen Risiken sind die sogenannten Ninja-Kredite. Sie wurden in den USA vor dem Beginn der Finanzkrise im großen Stil vergeben.

Als Ninja-Kredite werden jene Darlehen bezeichnet, die an Schuldner ohne ausreichende Bonität vergeben wurden oder wie die Wall Street damals zu sagen pflegte, an Leute mit „no income, no job, no assets“.

Dass Kreditnehmer ohne Einkommen, ohne Job und ohne ausreichende Sicherheiten kaum in der Lage sein werden, die aufgenommenen Darlehen jemals zurückzuzahlen, hätte eigentlich der gesunde Menschenverstand nahelegen müssen. Diesen meinte man damals aber nicht bemühen zu müssen. Eine Selbstzufriedenheit und Ignoranz, die sich wenig später rächte.

Gefährdet sind nicht nur die Industrieländer

Raghuram Rajan ließ keinen Zweifel daran, dass er diese Selbstgefälligkeit für gefährlich hält, egal, wo auf der Welt sie auftaucht. Überall verstummen über kurz oder lang die kritischen Fragen, wenn Kredite leicht und unkompliziert zu bekommen sind. Diese Schwäche ist in Indien, Peru oder China nicht weniger ausgeprägt als in Österreich, Deutschland oder der Schweiz.

Die lockere Geldpolitik des Westens führt daher auch in anderen Teilen der Welt zu einer stark steigenden Verschuldung. Wird diese zu hoch, müssen die nationalen Notenbanken am Devisenmarkt intervenieren, damit die Aufwertung der eigenen Landeswährung nicht zu stark ausfällt und der Boom wieder auf ein vernünftiges Maß abgeschwächt werden kann.

Eine einfache Lösung wie die Notenbanken die globalen Folgen ihrer Entscheidungen besser in Betracht ziehen können, kennt auch Raghuram Rajan nicht. Er plädierte in Zürich jedoch allgemein für eine umfassendere Sichtweise auf das Problem und ließ auch seine Sympathie für eine wieder stärker regelbasierte Geldpolitik erkennen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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