Nie mehr steigende Zinsen?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 16. Oktober 2019

Können Sie sich vorstellen, dass die Zinsen in der Eurozone auch in ferner Zukunft nicht mehr steigen werden? Ich gebe zu, diese Frage ist auch für mich durchaus ein wenig befremdlich, suggeriert sie doch eine Endgültigkeit, die sich mit der Börse und den Finanzmärkten eigentlich gar nicht verbinden lässt, denn diese sind ständig in Bewegung.

Wer dieser permanenten Beweglichkeit als Investor oder Trader mit einer starren Position begegnet, wird erfahrungsgemäß Geld verlieren. Formulieren wir die Frage deshalb ein wenig um, und fragen uns, ob wir uns vorstellen können, dass die Zinsen in den nächsten zwei Jahrzehnten nicht mehr in einem nennenswerten Umfang steigen werden?      

Kleinere Zinsschritte bleiben damit möglich. Aber immer noch ist die Grundannahme die, dass wir von einer jahrzehntelangen Niedrigzinsphase ausgehen. Da die Zeit der stark gesenkten Zinsen bereits vor zehn Jahren unmittelbar nach der Finanzkrise begann, würde eine ganze Generation mit dem Bewusstsein aufwachsen, dass es für gespartes Geld Zinsen, wenn überhaupt, nur in Form von Strafzinsen gibt.

Auch diese Vorstellung ist für alle Sparer immer noch eine nur schwer zu schluckende Kröte, bedeutet sie doch, dass Zinseinnahmen ein Relikt der Vergangenheit sind und reale Kaufkraftverluste nicht nur auf Jahre, sondern auf Jahrzehnte hinaus zu erwarten sind.

Hirngespinst oder reale Erwartung?

Was vielen im ersten Augenblick wie ein weltfremdes Gedankenkonstrukt aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm erscheinen mag, ist die aktuelle Erwartung der Fondsgesellschaft Columbia Threadneedle Investments. Dort gehen die Fondsmanager inzwischen tatsächlich davon aus, dass nennenswerte Zinserhöhungen in der Eurozone in den kommenden zwei Jahrzehnten unwahrscheinlich sind.

Vollkommen aus der Luft gegriffen ist diese Erwartung nicht, denn bei Columbia Theatneedle Investments hat man das Beispiel Japan sehr genau studiert. Die hier gemachten Erfahrungen legen den Schluss nahe, dass es selbst mit einer steigenden Produktivität und hohen Staatsdefiziten ausgesprochen schwer ist, einer strukturellen Wachstums- und Inflationsflaute zu entkommen.

Darauf hat Mark Burgess, der Chief Investment Officer (CIO) für die Region Europa, Naher Osten und Afrika, in einem aktuellen Kommentar der Fondsgesellschaft hingewiesen. Für die Eurozone erwartet die Fondsgesellschaft deshalb eine lange Phase mit niedriger Inflation, die von geringen Wachstumsraten begleitet wird. Ein nennenswerter Anstieg der Zinsen sei in den nächsten zehn bis 20 Jahren vor diesem Hintergrund nicht zu erwarten.

Auch das hohe Verschuldungsniveau der Staaten, Unternehmen und privaten Haushalte wird sich in einem Umfeld mit dauerhaft niedrigen Zinsen nach Mark Burgess Ansicht nicht nennenswert reduzieren. An dieser Stelle verweist der Fondsmanager auf das Beispiel der USA. Während sich das Zinsniveau seit den frühen 1980er Jahren kontinuierlich ermäßigte, stieg die Schuldenquote, also das Verhältnis der Nettoschulden zur Höhe des Bruttoinlandsprodukts von unter 40 auf 106 Prozent.

Dass dieser Trend immer noch ungebrochen ist, kann an dieser Stelle wenig Hoffnung machen. Ebenso beunruhigend ist, dass die USA an dieser Stelle nicht allein stehen. In der gesamten Eurozone ist die Schuldenquote in den vergangenen Jahren gestiegen und in China liegt sie bereits bei mehr als 300 Prozent.

Bei Columbia Threadneedle rechnet man damit, dass die Bewältigung des Schuldenproblems Jahre wenn nicht sogar Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Diese Zeit wird von geringen Wachstumsraten und geringen Erträgen für Sparer und Investoren gekennzeichnet sein. Gleichzeitig sei zu erwarten, dass die Volatilität an den Märkten deutlich steigt.

Die kommenden Jahre könnten daher deutlich lebhafter und turbulenter verlaufen als es das extrem niedrige Zinsniveau im Moment erwarten lässt.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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