Langsam reich werden? Wie langweilig!

Nach finanziellem Wohlstand oder gar nach großem Reichtum streben viele. Doch die meisten Anleger haben bei der Verfolgung ihres Zieles vor allem eines nicht: Zeit. Sie wollen nicht nur den Reichtum. Sie wollen ihn auch schnell, am besten über Nacht. Zeit zu warten, hat offenbar niemand.

Die unmittelbare Konsequenz dieser Zeitarmut sind Investmententscheidungen, die meist gar keine sind. Es werden hoch riskante Wetten eingegangen. Man spielt lieber trotz der geringen Gewinnchance Lotto, wettet auf Sportereignisse und an der Börse mit hochgehebelten Zertifikaten oder ist ein gerne gesehener Gast in einer Spielbank.       

Hier winkt im einen wie im anderen Fall der Reichtum über Nacht, von dem so viele von uns träumen. Doch wie realistisch ist eine solche Erwartung? Wer jahrelang Lotto spielt und hin und wieder mal drei oder vier Zahlen richtig tippt, der wird auf diese Art und Weise gewiss kein Millionär.

Aber je nach Häufigkeit und Intensität des Spiels werden jeden Monat leicht 100 oder mehr Euros durch den finanziellen Schornstein gejagt. Ist es da nicht besser, noch einmal weitere 100 Euro monatlich in die Hand zu nehmen und einen wesentlich sichereren Weg zu Wohlstand und finanzieller Unabhängigkeit zu beschreiten?

Lieber langweilig reich als mit Spannung arm werden

Wer seine monatlich ins Lotto investierten Euros in Zukunft spart, noch einige Euros darauflegt, sodass eine monatliche Sparrate von 200 Euro zusammenkommt, der spart pro Jahr 2.400 Euro. Diese reichen bei einer angenommenen Rendite von zehn Prozent aus, um nach 40 Jahren zum Millionär aufgestiegen zu sein.

Bei geringeren Renditen ist der Weg entweder etwas länger oder es muss pro Monat mit einer höheren Sparrate agiert werden. Aber im Prinzip ist der Weg im einen wie im anderen Fall mehr oder weniger der gleiche und nicht jeder von uns braucht wirklich die Million, um glücklich zu sein.

Oder anders ausgedrückt: Es ist wesentlich leichter finanziellen Wohlstand aufzubauen als viele denken. Gegenüber dem Lottoweg oder dem zur Spielbank fehlt allerdings das Moment der Spannung. Über Nacht per Lotto reich zu werden bietet bei der Ziehung der Zahlen einen Kick, den der langfristige Investor bei der Betrachtung seiner Kontoauszüge vermutlich nie erfahren wird – zumindest nicht in der harten Anfangszeit.

Später, wenn schon einige Jahre ins Land gegangen sind und der Kontostand spürbar gewachsen ist, sieht das schon ganz anders aus. Dann kann beim Betrachten der höheren Zahlen durchaus das Gefühl einer tiefen Zufriedenheit entstehen.

Weil viele Menschen kurzfristige Entwicklungen deutlich intensiver wahrnehmen als langfristige, suchen wir das Moment der Spannung auch da, wo es eigentlich angebrachter wäre, dem Gras oder dem eigenen Vermögen beim langsamen Wachsen zuzusehen.

Ein Loblied auf die Langsamkeit

Langfristige Prozesse werden von uns oft unterschätzt. Das gilt gerade im finanziellen Bereich, wenn sie mit dem Zinseszinseffekt verbunden sind. Dieser vermag auch aus einer kleinen Anlage über die Zeit eine stattliche Summe zu erzeugen. Wem dafür das notwendige Gespür fehlt, der sollte öfter mal im Wald spazieren gehen und sich die Bäume ansehen. Die Stattlichsten sind zumeist auch die Ältesten.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, im April über die frisch bestellten Felder zu gehen und nach der Ernte Ausschau zu halten. Auch das kann dazu beitragen, unsere unrealistischen Erwartungen auf ein gesundes Maß zurückzuschrauben und den Faktor Zeit wieder richtig einzuschätzen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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