Dieser Aufstand der Rentner sollte uns zu denken geben

Bernd Heim
By Bernd Heim / 25. Oktober 2019

Aus dem Dienst ausgeschiedene Notenbanker führen normalerweise ein ruhiges Privatleben. Mit der Geld- und Zinspolitik ihrer Nachfolger setzen sie sich nicht auseinander – zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Das ist in diesen Tagen anders. Hochkarätige ehemalige Notenbanker kritisieren die von Mario Draghi verfolgte Geldpolitik in aller Schärfe.

Sie warnen vor einer „Zombifizierung“ der Wirtschaft und sie fürchten eine Krise nie dagewesenem Ausmaßes. Es handelt sich dabei um ehemalige Notenbanker aus Deutschland, Frankreich, Österreich und den Niederlanden. Vertreter aus den südlichen Ländern der Eurozone finden sich nicht unter den Unterzeichnern jenes Brandbriefes, der zum Monatswechsel die Finanzwelt aufgeschreckt hat.       

Aus Deutschland sind die ehemaligen EZB-Chefvolkswirte Otmar Issing und Jürgen Stark sowie der ehemalige Bundesbank-Chef Helmut Schlesinger so besorgt, dass sie den Schritt in die Öffentlichkeit für unerlässlich hielten. Dass sie ihre Besorgnis schon zu vor über private, nicht öffentliche Kanäle zum Ausdruck gebracht haben, dürfen wir annehmen.

Wenn man nun noch berücksichtigt, dass der EZB-Rat auf seiner letzten Sitzung eine ebenfalls sehr ungewöhnliche Uneinigkeit offenbarte, die ebenfalls von den amtierenden Notenbankpräsidenten aus Frankreich, Deutschland, Österreich und den Niederlanden getragen wurde, dann wird deutlich, dass der Riss, der schon seit längerer Zeit quer durch die Eurozone geht, tiefer geworden ist.

Ist das der Anfang vom Ende des Euros?

Dass man auch unter Freunden über einzelne Punkte uneinig sein kann, dass man erbittert um die richtige Linie und die Lösung von Problemen streitet, ist normal. Sind die Differenzen aber zu groß, gerät das Fundament, auf dem die gemeinsame Verbindung steht, schnell ins Wanken.

Kommt es so weit, wird das gemeinsame Projekt früher oder später von einem oder einigen der Beteiligten aufgegeben. Meist scheiden als Erste jene Personen aus der gemeinsamen Lösung aus, die die größten Nachteile zu verzeichnen haben. Kann das auch innerhalb der Eurozone geschehen? Im Prinzip ja.

Der derzeit stark im Fokus stehende Brexit stellt einen solchen Schritt dar. Ob die Menschen in Großbritannien im Juni 2016 mit Mehrheit für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt hätten, wenn deren Flüchtlingspolitik im Jahr zuvor eine andere gewesen wäre, ist eine interessante Frage.

Sie verdeutlicht an dieser Stelle, wie wichtig es ist, bei Meinungsverschiedenheiten Fässer nicht zum Überlaufen zu bringen. Diese Warnung gilt auch für die Eurozone und den Euro. Auch der wird nicht mehr zu halten sein, wenn sich die Menschen in Masse von der Gemeinschaftswährung abzuwenden beginnen.

Diese Möglichkeit erscheint aktuell noch relativ theoretisch. In einer massiven Krise, die für die Bürger der Eurozone mit erheblichen finanziellen Einbußen verbunden ist, könnte aus der Theorie aber wesentlich schneller gelebte Praxis werden als Mario Draghi und seiner Nachfolgerin lieb sein kann.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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