Lateinamerika bleibt das wirtschaftliche Sorgenkind der Welt

Wie schnell sich die Zeiten ändern können, das sieht man derzeit an der Entwicklung in Lateinamerika. Dort schien die Welt zu Beginn des Jahres noch in Ordnung zu sein. Die Wirtschaft blicke optimistisch in das neue Jahr. Man setzte auf den neuen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro und in Argentinien schienen die Reformen des wirtschaftsliberalen Präsidenten Mauricio Macri endlich Erfolge zu zeigen.

Auch Mexiko machte den Investoren Mut. Dort waren die Anleger überrascht, welch einen wirtschaftsfreundlichen Kurs der als linkspopulistisch geltende Präsident Andrés Manuel López Obrador einschlug. Viele Beobachter waren sich sicher, dass das Jahr 2019 endlich den Beginn eines neuen Wachstumszyklus bringen werden.      

Heute, nur zehn Monate später, könnte die Situation kaum verschiedener sein. Man weiß, dass man sich nicht nur geirrt, sondern gründlich geirrt hat. Die Region wird ihr wirtschaftliches Potential erneut nicht nutzen können und das Wachstum wird zum sechsten Mal in Folge schwächer ausfallen als man es eigentlich erwarten sollte.

Anstatt wieder auf die Beine zu kommen, wird südliche Teil des amerikanischen Kontinents nur noch weiter abgehängt. Dabei ist die Lage schon jetzt schon alles andere als rosig. Was das Wachstum betrifft, ist man im weltweiten Vergleich seit Jahren das Schlusslicht.

Der Handelskrieg fordert seine Opfer

Für den gesamten Südteil des amerikanischen Kontinents erwartet der Internationale Währungsfonds für 2019 nur noch ein Wachstum von schwachen 0,6 Prozent. Damit ist Süd- und Mittelamerika im internationalen Vergleich die Position des Schlusslichts sicher.

Ein Grund für die Miesere ist der Handelskrieg zwischen den USA und China. Aber auch die politischen Unsicherheiten bremsen das Wachstum. Sie vertreiben die Investoren und hinterlassen nur eine lähmende Unsicherheit. Argentinien ist ein gutes Beispiel für diese Entwicklung.

Seit Präsident Mauricio Macri die Vorwahlen mit deutlichem Abstand gegen die peronistische Opposition verloren hat, glaubt niemand mehr daran, dass der Präsident die Wahlen im Dezember noch gewinnen kann. Erwartet wird vielmehr eine Rückkehr der investitionsfeindlichen Abschottungspolitik der Regierung Kirchner.

Viele Investoren haben bereits reagiert und begonnen, ihr Kapital aus dem Land abzuziehen. Die Konsequenzen sind breits jetzt zu spüren. Für das laufende Jahr erwarten die Analysten, dass Argentiniens Wirtschaft um 2,4 Prozent schrumpfen wird und auch für das kommende Jahr wird mit einem negativen Wachstum von 1,6 Prozent gerechnet.

Die Rohstoffabhängigkeit belastet

Belastend wirkt auch, dass die Wirtschaft der Länder Süd- und Mittelamerikas zu einem sehr starken Anteil auf dem Export von Rohstoffen basiert. Damit ist man unmittelbar von der Konjunktur der großen Länder USA und China abhängig. Während andere Länder, die stärker in die globalen Wertschöpfungsketten eingebunden sind, noch nicht so stark betroffen sind, spürt man in Ländern wie Chile oder Peru sofort, wenn die Nachfrage nach Kupfer und anderen Erzen zurückgeht. Zugleich drückt die geringere Nachfrage den Preis der Rohstoffe.

Auch die Hoffnung, dass die Landwirtschaft diese Misere zu einem Teil ausgleichen könnte, hat sich nicht erfüllt. Zwar übernahmen die Bauern Lateinamerikas zeitweilig die Soja-Lieferungen der US-Farmer in das Reich der Mitte, als die US-Landwirtschaft als Reaktion auf den Handelsstreit von Peking vollständig blockiert wurde. Doch da China insgesamt den Import von Sojabohnen deutlich heruntergefahren hat, sind auch die Preise kräftig gesunken.

Das Wachstum der letzten Jahre war zu einem Teil Infrastrukturprojekten geschuldet. Da auch diese langsam auslaufen, kann auch von dieser Seite keine nachhaltige Belebung der Wirtschaft erwartet werden. So wundert es nicht, dass Ökonomen für Lateinamerika bestenfalls mit einer Stagnation der Wirtschaft rechnen. Wesentlich realistischer ist jedoch eine weiter Abschwächung.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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