Japan: Sehenden Auges in die Rezession?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 6. November 2019

Wenn man an die Länder denkt, die der schwächelnden eigenen Wirtschaft in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten immer wieder mit kräftigen Finanzspritzen unter die Arme gegriffen haben, fällt früher oder später der Name Japan. Im Grunde schon seit den späten 1980er Jahren, also unmittelbar nach dem Platzen der Blase am Immobilien- und Aktienmarkt ging eine japanische Regierung nach der anderen dazu über, die lahmende Wirtschaft des Landes mit mehr oder weniger viel Geld anzuschieben.

Eine solche Reaktion wäre auch jetzt wieder zu erwarten, denn die wirtschaftliche Lage trübt sich ein. Verschiedene Stimmungsindikatoren weisen seit Monaten darauf hin, dass die wirtschaftliche Aktivität in Japan nachlässt. Man muss lange zurückgehen um eine Zeit zu finden, in der die Stimmung unter Japans Unternehmen ähnlich schlecht war wie sie es im Moment ist. Wenn man dies tut, landet man in einer Zeit, in der sich Japan in einer Rezession befand.      

Offiziell in einer Rezession ist das Land noch nicht, doch die Stimmung ist deutlich eingetrübt und viele Stimmungsindikatoren sind in den negativen Bereich abgerutscht. Eigentlich müsste die Regierung in Tokio nun gegensteuern und Schritte ergreifen, die geeignet sind, die wirtschaftliche Lage im Land zu verbessern.

Doch das Gegenteil ist der Fall. Man hat den Eindruck, als schaue die Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe dem Geschehen tatenlos zu. Fast scheint es, als wolle sie bewusst eine Rezession heraufbeschwören.

Bremsen statt fördern?

Während man in einer derartigen Situation erwarten würde, dass die Regierung die Wirtschaft und die Konsumenten entlastet hat die Regierung Abe Anfang Oktober die Mehrwertsteuer um 20 Prozent erhöht. Der Mehrwertsteuersatz, der bislang bei niedrigen acht Prozent lag, wurde auf zehn Prozent angehoben.

Überraschend kommt die Steuererhöhung nicht, denn sie ist ein Teil der sogenannten Abenomics, also all jener Maßnahmen, mit denen Premierminister Shinzo Abe die Wirtschaft des Landes fördern will. Verbunden werden die Abenomics zumeist mit einer sehr lockeren Geldpolitik. Weit weniger bekannt ist jener Teil der Maßnahmen, die sich darauf beziehen, die Staatsfinanzen zu sanieren.

Als Shinzo Abe am 26. Dezember 2012 ins Amt kam, wollte er nicht nur dazu beitragen, dass die japanische Wirtschaft nach Jahren der Stagnation endlich wieder wächst. Auch die Staatsfinanzen sollten langfristig wieder in Ordnung gebracht werden.

Da dem Premierminister klar war, dass beide Maßnahmen nicht gleichzeitig zu verwirklichen waren, enthielt der Plan von Anfang an ein gestaffeltes Vorgehen. Zunächst sollte die Wirtschaft wieder in Schwung gebracht werden. Anschließend sollen auch dank der höheren Steuereinnahmen die Staatsfinanzen wieder gesunden.

Das hohe Staatsdefizit wird langsam zu einem Problem

Die vielen in der Vergangenheit aufgelegten Konjunkturprogramme haben die Defizite des japanischen Staates von Jahr zu Jahr ansteigen lassen. Trotzdem konnte die Wirtschaft nicht aus der Stagnation befreit werden. Das Land verblieb in der Deflation und die erwünschte Inflation stellte sich auch nach Jahren des expressiven Gelddruckens nicht ein.

Inzwischen kann die Lage bei den Staatsfinanzen durchaus als dramatisch gelten. Das jährliche Defizit liegt bei vier Prozent der Wirtschaftsleistung und wie die auf 250 Prozent des Bruttoinlandsprodukt angestiegenen Staatsschulden abgebaut werden sollen, weiß auch kein Mensch.

Nur so viel ist klar: Die Schulden können nicht mehr im gewohnten Maß erhöht werden. Das Defizit muss kleiner werden. Dazu müssen entweder die Ausgaben gesenkt oder die Steuern erhöht werden. Die jüngste Mehrwertsteuererhöhung ist nur ein Teil dieser Maßnahmen.

Steuererhöhungen sind in keinem Land der Welt beliebt, auch in Japan nicht. Die Bevölkerung hat deshalb mit einem Vorzug ihrer Konsumausgaben auf die geplante und inzwischen realisierte Mehrwertsteuererhöhung reagiert. Das verzerrt die Statistiken.

Die Rache der Konsumenten ist der Regierung sicher

Vor der letzten Steuererhöhung zog der japanische Konsum im August plötzlich um zehn Prozent an, nur um nach der Erhöhung im September wieder um 15 Prozent einzubrechen. Für die Anfang Oktober vollzogene Mehrwertsteuererhöhung erwarten die Experten eine ähnliche Entwicklung.

Vor diesem Hintergrund wäre es nicht ungewöhnlich, wenn die japanische Wirtschaft im vierten Quartal schrumpft. Mit den großen Handelspartnern China und Südkorea gibt es politische Schwierigkeiten, die längst auf die wirtschaftlichen Beziehungen durchzuschlagen beginnen.

Die Rezeptur für eine handfeste Rezession im Land ist damit gegeben. Dass es für den Rest der Welt nicht ohne Einfluss bleibt, wenn die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt in eine Rezession übergeht, dürfte ebenfalls klar sein. Viel Grund zur Freude gibt des deshalb beim Blick auf die japanische Konjunktur derzeit weder in Japan selbst noch anderswo.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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