Die Diskrepanzen am Markt sind nicht zu übersehen

Bernd Heim
By Bernd Heim / 8. November 2019

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Schon wieder stellt sich den Anlegern diese Frage, denn sie sind mit einer ganzen Reihen von widersprüchlichen Fakten und Stimmungen konfrontiert. Die aktuell veröffentlichten Quartalszahlen vermitteln noch ein ganz ordentliches Bild, während die Stimmung der Vorstände grottenschlecht ist.

Hinzu kommen die politischen Spannungen. Von der Lage in Syrien über den sino-amerikanischen Handelskrieg bis hin zum Dauerthema Brexit: Nichts ist oder scheint so klar, dass es nicht in den nächsten fünf Minuten wieder über den Haufen geworfen werden könnte.      

So ergibt sich ein merkwürdiges und unstetiges Auf und Ab der Kurse. Für dieses ewige Hin und Her ist die Börse zwar eigentlich ziemlich bekannt. Dennoch stört dieser Zug im Moment stärker als zu anderen Zeiten, denn etwas für die Kapitalmärkte sehr wesentliches steht auf dem Spiel: das grundlegende Vertrauen.

Das die Zukunft grundsätzlich unsicher und damit schwer vorherzusagen ist, wissen die Anleger. Daran haben sie sich längst gewöhnt, damit können sie umgehen. Etwas anderes ist es allerdings, wenn das grundlegende Vertrauen, dass es am Ende schon irgendwie gutgehen wird, plötzlich in ein grundlegendes Misstrauen umzuschlagen droht.

Die EZB lockert ihre Geldpolitik aber die Zinsen steigen

Zum Ende seiner achtjährigen Amtszeit hat EZB-Präsident Mario Draghi die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank noch einmal gelockert. Der ohnehin schon negative Zins wurde weiter gesenkt und das erst zum Ende des letzten Jahres beendete Programm zum Ankauf von Wertpapieren wurde neu aufgelegt.

Normalerweise hätten die Finanzmärkte auf diese Schritte mit fallenden Zinsen reagieren müssen. Der Markt reagierte aber vollkommen entgegen der allgemeinen Erwartung. Die Zinsen fielen nicht, sondern sie stiegen. Das klingt ein wenig wie verkehrte Welt, ist aber unsere heutige Realität.

Als die EZB ihre Zinsen senkte und das Anleihenkaufprogramm wieder aufleben ließ, lag der Zinssatz für eine 10jährige Bundesanleihe bei minus 0,6 Prozent. Anfang des Jahres hatte der Zinssatz noch bei plus 0,2 Prozent gelegen. Doch diese mittelfristige Abwärtstendenz wurde nach dem Zinsbeschluss der EZB durchbrochen.

Ende Oktober hatte eine 10jährige Bundesanleihe wieder einen Zins, der um über 20 Basispunkte auf minus 0,37 Prozent angestiegen war. Weil der Zins eine Risikoprämie ist, deuten steigende Zinsen immer auf ein steigendes Risiko oder auf eine wachsende Verunsicherung der Anleger hin.

Vertrauen ist schwer aufgebaut und leicht verloren

Kapital ist nur deshalb das gefürchtete scheue Reh, weil das grundlegende Vertrauen so flüchtig ist. Vor diesem Hintergrund kann es uns nicht egal sein, wenn der Markt auf die Maßnahme einer Zentralbank mit einem Vertrauensentzug reagiert. Vermuten die Anleger an dieser Stelle, dass die Notenbank bereits etwas weiß, was sie selbst noch nicht wissen?

Ebenso bemerkenswert ist, dass die Aktienkurse auf ihren hohen Niveaus verbleiben oder gar noch steigen, während die Zukunftserwartungen der Vorstände so schlecht sind wie seit Jahren nicht mehr. Wenn ausgerechnet diese gut informierten Insider kein Vertrauen mehr in die unmittelbare wirtschaftliche Zukunft haben, warum sollten es ausgerechnet die risikoscheuen Investoren und Trader haben?

Als erfahrene Anleger wissen wird, dass wir weder kurzfristige Entwicklungen wie das tägliche Auf und Ab der Kurse oder Zinsen noch einzelne Stimmungsindikatoren überbewerten sollten. Aber wir sollten hellhörig werden, wenn am Markt Diskrepanzen auftauchen, die auf ein schwindendes Vertrauen hindeuten.

Egal, ob der Vertrauensschwund der Anleger am Ende berechtigt gewesen sein wird: Konsequenzen wird er in jedem Fall haben. Deshalb ist die Frage, ob das Glas derzeit eher als halb voll oder als halb leer zu bezeichnen ist, in diesen Tagen mehr als berechtigt.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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