Die Sehnsucht nach der Droge Geld ist zu groß

Bernd Heim
By Bernd Heim / 15. November 2019

Die Börsen sind weiterhin sehr politisch. Sie fallen, wenn sich der Handelskrieg verschärft oder andere schlechte Nachrichten am Horizont aufscheinen und sie steigen, wenn das billige Geld der Notenbanken die Märkte wieder flutet. Das viel Geld aus dem Nichts war zunächst nur als eine Notfallmaßnahme gedacht. Es ist aber längst zu einer Droge geworden.

Die Sucht der Märkte nach der noch mehr Geld ist mittlerweile so stark geworden, dass der Weg zurück für die Notenbanken kaum mehr zu betreten ist. Es ist eine doppelte Abhängigkeit entstanden. Die Märkte brauchen das viele billige Geld, um zu steigen und die Notenbanken brauchen steigende Märkte um der breiten Bevölkerung zu signalisieren, dass wirtschaftlich wieder alles in Ordnung sei.     

Beim Geld aus dem Nichts ist es wie bei vielen anderen Drogen: Die berauschende Wirkung lässt mit der Zeit nach. Es müssen immer höhere Dosen verabreicht werden um die gleiche Wirkung zu erzielen. Damit steigt die Gefahr, dass der Abhängige eines Tages jedes Maß verliert und sich eine Dosis verabreicht, die nicht mehr förderlich, sondern nur noch tödlich ist.

Längst ist eine Situation erreicht, die sehr stark an Goethes Zauberlehrling erinnert: Man wird die Geister, die man einst gerufen hat, nicht mehr los. Das letzte Jahr hat gezeigt: Die Rückkehr zu einer normalen Geldpolitik und zu höheren Zinsen würde eine Rezession hervorrufen. Diese wird aber aufgrund ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen gefürchtet. Deshalb scheint eine Fortsetzung der aktuellen Geldpolitik für alle Beteiligten die einfachste und vor allem die bequemste Lösung zu sein.

Weiter so in den Abgrund

Dass zahlreiche Unternehmen an der Börse in der Zwischenzeit schwindelerregende Bewertungen erreicht haben, stört viele Anleger nicht. Sie gehen davon aus, dass die Zentralbanken auch weiterhin die Kontrolle über die Geldpolitik und damit mittelbar auch über die Entwicklung am Aktienmarkt haben werden.

Normalerweise sollten die fundamentalen Daten bestimmen, wohin die Reise an der Börse geht. Heute gilt diese Forderung nur noch eingeschränkt. Das macht die laufende Berichtssaison deutlich, denn die Anleger sorgen sich weit mehr um die zukünftigen Zinsentscheidungen der FED als um die Höhe der Gewinne ihrer Beteiligungen.

Da das Zinspulver der Notenbanken weitgehend verschossen ist, dürfte die nächste Krise mit der Geldpolitik alleine nicht mehr zu bewältigen sein. Die Staaten werden mit Konjunkturprogrammen in die Bresche springen müssen. Das wird angesichts der klammen Kassen die Staatsverschuldung weiter steigen lassen.

Die hohen Staatsschulden sind schon heute allein durch die niedrigen bzw. negativen Zinsen finanzierbar. Höhere Schulden werden dieses Problem nur weiter verschärfen. Damit ist eine Rückkehr zu normalen Zeiten mit normalen Zinssätzen endgültig ausgeschlossen. Der Weg dahin führt dann nur über den Staatsbankrott und die wertlose Ausbuchung der vielen uneinbringlich gewordenen Schulden.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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