Die Fertigstellung der Ostseepipeline schreitet weiter voran

Nachdem nun auch die dänische Energieagentur ihre Zustimmung erteilt hat, kann die Ostseepipeline North Stream 2 fertiggestellt werden. Zwar wird das Projekt nicht mehr wie ursprünglich geplant Ende 2019 seinen Betrieb aufnehmen können, doch im nächsten Jahr wird das erste Gas durch die neuen Röhren fließen.

Der Widerstand gegen das Projekt innerhalb und außerhalb Europas war groß. Dabei ging es allen anders lautenden Beteuerungen zum Trotz allen Beteiligten in erster Linie um Macht und und Geld. Auch das Projekt ist nicht gerade billig, sodass sich fast zwangsläufig die Frage stellt, warum Gazprom als Initiator und Betreiber des Projekts fünf Millarden Euro in die Hand nimmt, um die neuen Röhren zwischen St. Petersburg und Greifswald zu verlegen.       

Hinzu kommen weitere annähernd fünf Milliarden Euro, die am Projekt beteiligte Konzerne aus Deutschland, Österreich, Frankreich und den Niederlanden an Krediten mit einbringen. Der Steuerzahler wird zur Abwechselung mal nicht zur Kasse gebeten.

Die Investition unterstreicht zunächst einmal wie wichtig Gazprom der europäische Markt ist. Der Markt ist so wichtig, dass man sich den Zugang zu ihm nicht von dritter Seite einschränken lassen will. An dieser Stelle kommen die bisherigen Transitstaaten Polen und Ukraine ins Spiel.

Streitpunkt Geld

Gerade mit der Ukraine hatten die Russen in den vergangenen Jahren immer wieder Probleme. Das klamme Land entwendete Gas für den eigenen Bedarf oder sperrte die Durchleitung ganz, um politisch einen möglichst hohen Druck auf die Regierung in Moskau ausüben zu können.

Dass dies dazu führte, dass der Kremel eher früher als später nach Alternativen Ausschau hielt, liegt auf der Hand. Nun ist die Alternative weitgehend geschaffen und die bisherigen Transitländer Polen, Ukraine und die Slowakei werden sich auf niedrigere Transiteinnahmen einstellen müssen.

Vollkommen überflüssig wird die neue Pipeline das bestehende Transsportsystem jedoch nicht machen. Gazprom wird die bestehenden Transpotröhren auch weiterhin nutzen, zum Beispiel dann, wenn zu Spitzenlastzeiten besonders viel Gas von Russland nach Westeuropa transportiert werden soll.

Pro Jahr bezahlt Gazprom etwa zwei Milliarden Euro an Transitgebühren. Diese Summe wird sich gewiss nicht vollständig einsparen lassen, denn erstens werden die ukrainischen und polnischen Transportkapazitäten noch benötigt und zweitens wird auch die neue Pipeline nicht ohne Wartungskosten betrieben werden können. Dennoch dürften sich die Ausgaben für Gazprom über die Zeit amortisieren.

Streitpunkt Versorgungssicherheit

Ein wichtiger Punkt in der monatelangen Kontroverse war die Sorge um Abhänigkeiten und die Versorgungssicherheit im europäischen Gasmarkt. Insbesondere Polen und die balitischen Staaten malten das Horrorszenario an die Wand, dass Russland geneigt sein könnte, in Zeiten mit politischen Spannungen die Gaslieferungen in diese Länder vollständig einzustellen, während der deutsche Markt auch weiterhin beliefert werde.

Mal abgesehen davon, dass selbst im Kalten Krieg die sowjetischen Gaslieferungen nie als Waffe eingesetzt wurden, lässt sich das Gas im Fall der Fälle ebenso gut von West nach Ost wie sonst von Ost nach West pumpen. Deutschland könnte im Falle eines russischen Embargos gegen Polen oder die baltischen Staaten niederländisches Gas in die vom Boykott betroffenen Länder liefern. So wäre die Versorgungssicherheit dort sichergestellt und gleichzeitig könnte den Russen zugesichert werden, dass ihr Gas nicht in den „falschen“ Öfen verheizt wird.

Die neue Pipeline erhöht somit eher die Versorgungssicherheit als dass sie diese einschränken würde. Bleibt noch die Frage, ob nicht insgesamt die europäische Abhängingkeit von russischen Gaslieferungen durch die neue Pipeline zu groß werden könnte. Die Pipeline selbst ist an dieser Stelle nicht das Problem.

Wesentlich stärker ins Gewicht fällt, dass die niederländischen und britischen Gasquellen langsam zur Neige gehen. Das tun sie auch, wenn der zweite Strang der Ostseepipeline nicht gebaut worden wäre. Hier muss die EU insgesamt sicherstellen, dass die Gasversorgung auf lange Sicht gesichert bleibt. Dem versucht sie gerecht zu werden, indem viel Geld in Terminals für Flüssiggas und eben neue Pipelines investiert wird.

Damit erhalten viele Anbieter von Gas, auch die USA und die arabischen Staaten, einen gesicherten Zugang zum europäischen Markt. Dass das russische, per Pipeline transportierte, Gas dennoch um einiges kostengünstiger ist als amerikansiches oder arabisches Flüssiggas ist eine Frage, die vor allem die europäischen Verbraucher bei ihrer Kaufentscheidung berücksichtigen werden.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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