Streaming-Dienste: Was, wenn der Zuschauer nicht zahlt?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 26. November 2019

Ein erfolgreiches Unternehmen kann sich erlauben, großzügig zu sein. Unternehmen, die hingegen mit dem Rücken zur Wand stehen und Gefahr laufen, von der Konkurrenz erdrückt zu werden, können sich diesen Luxus nicht mehr leisten. Sie müssen um jeden Euro oder US-Dollar kämpfen – um jeden!

Das gilt auch für den bislang so erfolgsverwöhnten Streaming-Dienst Netflix. In den letzten beiden Quartalen wuchsen die Abonnentenzahlen nicht mehr so schnell wie man sich das in der Konzernzentrale im kalifornischen Los Gatos ursprünglich gedacht hatte.      

Die Konkurrenz schläft zudem auch nicht. Apple ist mit seinem Video-Streaming-Angebot TV+ seit dem 1. November zu Kampfpreisen in den Markt eingetreten. Disneys Angebot Disney Plus zog vor ein paar Tagen nach. Damit wächst die Zahl der Wettbewerber in einem Markt, der natürliche Grenzen hat, denn kein Kunde kann unendlich viel Geld und Zeit in die Streaming-Angebote diverser Anbieter investieren.

Dass die neue Konkurrenz fast ausschließlich aus finanzstarken Giganten wie Apple, AT&T und Disney besteht, macht das (Über)Leben für Netflix nicht gerade leichter. Wenn dann auch noch ausgerechnet im Heimatland die Zahl der Nutzer sinkt, herrscht in der Vorstandsetage sehr schnell eine bislang dort nicht gekannte Alarmstimmung.

Not macht erfinderisch

Viele Aktionäre von Netflix sind längst alarmiert. Der Kurs neigt immer öfter zur Schwäche und vorbei sind die paradiesischen Gründerzeiten, als der Markt noch zweigeteilt war. Auf der einen Seite stand die traditionelle Unterhaltungsbranche. Sie stritt sich um einen immer kleiner werdenden Fernsehmarkt.

Auf der anderen Seite stand Netflix. Das Unternehmen konzentrierte sich auf das Internet und den wachsenden Online-Markt. Dumm nur, dass das inzwischen alle anderen auch tun. Netflix ist damit nicht mehr der kleine, aggressiv vorgehende Newcomer, sondern der Platzhirsch, den alle anderen jagen.

Seine Kunden verprellen, will in diesem hart umkämpften Umfeld niemand. Aber weil auch für Netflix inzwischen jeder US-Dollar Umsatz zählt, hat das Unternehmen dem Teilen von Passwörtern und Nutzerzugängen den Kampf angesagt. Eine neue Software soll das Nutzerverhalten beobachten und völlig automatisch Alarm schlagen, wenn eines der digitalen Abonnements geteilt wird.

Insbesondere die Jugend pflegt das Teilen – zumindest das ihrer Netflix-Abos. Bereits im Jahr 2016 konnte das Marktforschungsunternehmen Magid ermitteln, dass bei den sogenannten Millennials, also den nach dem Jahr 2000 Geborenen, mehr als jeder Dritte sein Passwort mit anderen teilt. Bei den etwas älteren Jahrgängen der Generation X waren es 19 Prozent und bei den noch älteren Babyboomern nur 13 Prozent.

Geht der Schuss möglicherweise nach hinten los?

Fraglich ist allerdings, ob die Einnahmen in Millionenhöhe, die den Unternehmen an dieser Stelle durch die Lappen gehen, tatsächlich gehoben werden können. Die stark steigende Konkurrenz am Markt könnte dazu führen, dass auch die Bereitschaft zum Teilen deutlich zunimmt, denn solange das eigene Taschengeld begrenzt ist, macht es gerade für die jüngeren Jahrgänge sehr viel Sinn, die Zugänge zu den einzelnen Diensten mit einander zu teilen.

So verständlich das Bestreben von Netflix und seinen Konkurrenten ist, mit den eigenen Angeboten nur tatsächlich zahlende Abonnenten zu bedienen, so gefährlich ist dieser Weg auch. Etwa dann, wenn die für die geteilten Abos ihrer Kinder in die Haftung genommenen Eltern dazu übergehen, sich vor weiteren Regressansprüchen zu schützen und die Abos im großen Stil zu kündigen beginnen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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