Griechische Staatsanleihen erfreuen sich wieder einer hohen Beliebtheit

Bernd Heim
By Bernd Heim / 27. November 2019

Das hätten sich 2012 auf dem Höhepunkt der europäischen Schuldenkrise gewiss nur die allerwenigsten Anleger vorstellen können: Griechische Anleihen sind bei den Investoren ausgesprochen beliebt und für die aufgenommenen Gelder zahlt der griechische Staat einen Zinssatz, der unter dem für US-Staatsanleihen mit gleicher Laufzeit liegt.

US-Präsident Donald Trump wird dies gewiss wieder unfair finden, doch dank Mario Draghis Zinspolitik sind die Kurse für die zehnjährigen griechischen Staatsanleihen seit Anfang des Jahres um gut 33 Prozent gestiegen. Vergleichbare US-Schatztitel haben nur 22 Prozent Kurszuwachs zu verzeichnen.      

Italienische Staatsanleihen entwickelten sich mit einem Plus von knapp 20 Prozent ebenfalls noch recht gut. Die durchschnittliche europäische Anleihe mit zehn Jahren Laufzeit kommt aber an die Topperformance der griechischen und italienischen Bonds nicht heran. Hier können sich die Anleger nur über einen mageren Kurszuwachs von sieben Prozent freuen.

Steigenden Kurse sind an den Anleihemärkten nicht nur ein Zeichen für sinkende Zinsen. Auch eine höhere Bonität des Schuldners kommt in ihnen zum Ausdruck. So gesehen muss Athen in der Zwischenzeit zu einem Hort der Stabilität und Prosperität herangewachsen sein, denn in diesem Jahr wurden auch griechische Anleihen erstmals mit negativen Zinssätzen ausgegeben.

Der Regierungswechsel in Athen beflügelt

Ob sich die Anleger dauerhaft an griechische und italienische Anleihen mit negativer Rendite gewöhnen müssen, bleibt abzuwarten. Außergewöhnlich ist der starke Rückgang der Zinsen für griechische Anleihen allemal. Noch im Januar verlangten die Anleger einen Zinssatz von 4,0 Prozent dafür, Griechenland frisches Kapital zur Verfügung zu stellen. Bis zum Herbst sank der Zinssatz auf 1,25 Prozent. Dann kam sogar die Tranche mit den negativen Zinsen.

Der wesentliche Grund für diesen dramatischen Rückgang des Zinses ist politischer Natur. Seit die Regierungsgeschäfte in Athen im Sommer von Alexis Tsipras auf den neuen Regierungschef Kyriakos Mitsotakis übergegangen sind, fassen die Anleger langsam wieder Vertrauen. Die neue Regierung gilt als wirtschaftsfreundlicher und hat dies in den ersten Monaten bereits unter Beweis gestellt.

Mit den ausländischen Investoren wird freundlicher umgegangen, bürokratische Hindernisse werden abgebaut und es gab Steuererleichterungen für Unternehmen und Privatleute. Es gibt nur wenige Investoren, die sich von diesen Maßnahmen keinen Wachstumsschub erwarten.

Gegen dauerhaft negative Zinsen spricht derzeit noch das schwache Rating der griechischen Staatsanleihen. Es hindert auch die Europäische Zentralbank daran, griechische Anleihen in ihr Anleihekaufprogramm aufzunehmen. Die Teilnehmer an den Rentenmärkten gehen jedoch davon aus, dass Griechenland 2021 oder spätestens 2022 wieder Anleihen mit einen Investment-Grade-Status herausgeben kann.

Die Euphorie der Anleger steht auf einem dünnen Fundament

Da im derzeitigen Haushalt ein Plus erwirtschaftet wird und die Wirtschaft wächst, sind diese Erwartungen nicht unrealistisch. Sobald die griechischen Anleihen wieder einen Investmentstatus bekommen, kann auch die EZB die Bonds in ihr Kaufprogramm aufnehmen. Dass es so kommen wird, nimmt der Markt mit den stark gesunkenen Zinsen bereits vorweg.

Einmal mehr zeigt sich damit, dass der Zins seine Funktion als Maß für das Risiko, das mit einer Anleihe verbunden ist, verloren hat. Die Staatsverschulung in Griechenland ist nicht nur hoch. Sie ist in 2018 relativ zum griechischen Bruttoinlandsprodukt sogar noch weiter gestiegen und hat inzwischen ein Niveau von 181,2 Prozent erreicht.

Die neue Regierung in Athen rechnet für 2020 mit einem Wirtschaftswachstum von 2,8 Prozent. Ihre Erwartung liegt damit über den Prognosen der Europäischen Union und des Internationalen Währungsfonds (IWF). Noch steht die griechische Wirtschaft im europäischen Vergleich recht gut da. Fraglich ist allerdings, ob sich diese Sonderstellung aufrechterhalten lässt, wenn es europaweit zu einem Abschwung kommen sollte.

Ob man dann immer noch bereit sein wird, Griechenland zu negativen Zinsen oder überhaupt Geld zu leihen, wird eine spannende Frage sein. Sie könnte leicht dazu führen, dass jene Anleihen, die heute am Markt stark nachgefragt werden, in Zukunft zu Ladenhütern mutieren, die niemand mehr in seinem Depot haben möchte.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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