Argentiniens Gläubiger drohen erneut viel Geld zu verlieren

Bernd Heim
By Bernd Heim / 2. Dezember 2019

Argentinien bleibt der kranke Mann Südamerikas. Daran kann auch der Wechsel von Mauricio Macri hin zu Alberto Fernández auf dem Präsidentenstuhl nichts ändern, denn die Probleme des Landes bleiben die gleichen. Argentiniens Bevölkerung kämpft darum, nicht in die Armut abzurutschen und die Geldgeber aus dem Ausland fürchten um ihre Investitionen, weil das Land wieder einmal pleite ist.

Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass den Geldgebern aus dem Ausland ein erneuter Zahlungsausfall droht, ist hoch. An den Anleihemärkten rechnen die Anleger derzeit nicht damit, dass die neue Regierung es schaffen wird, das Haushaltsdefizit zu senken, die Renten und Sozialleistungen zu erhöhen und die Schulden zu tilgen.      

All dies wurde von Alberto Fernández im Wahlkampf zwar versprochen, doch die Wirtschaft des Landes ist nicht in der Lage, der neuen Regierung ein derart intensives Ausgabenprogramm zu finanzieren. Schon seit dem Jahr 2011 ist Argentinien nicht mehr gewachsen. Experten gehen davon aus, dass die Wirtschaft allein in der zweijährigen Rezession unter Präsident Macri um fast sieben Prozent geschrumpft ist.

Große Sprünge wird sich die neue Regierung nicht erlauben können. Ihr Spielraum ist äußerst begrenzt. Damit ist die Lage wesentlich schlechter als sie es im Jahr 2003 war, als der heutige Präsident Fernández unter dem damaligen Präsidenten Nestor Kirchner bis 2008 als Kabinettschef wirkte. Damals wurden den internationalen Gläubigern Forderungsausfälle von bis zu 75 Prozent der ursprünglichen Kreditsummen zugemutet.

Forderungsverzicht ante protas

Empfindliche Verluste sollten die Besitzer von argentinischen Anleihen auch heute wieder erwarten, denn mit dem Internationalen Währungsfonds sitzt ein Gläubiger mit am Verhandlungstisch, der über eine ausgesprochen mächtige Verhandlungsposition verfügt. Unter der heutigen EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat sich der IWF in Argentinien sehr stark engagiert.

Kredite im Volumen von 54 Milliarden US-Dollar hat allein der Internationale Währungsfonds gewährt. Noch im letzten Jahr konnte eine neue schwere Finanzkrise durch zusätzliche Darlehen des IWF vermieden werden. Dies geschah in der Hoffnung, dass die unter Präsident Mauricio Macri eingeleiteten Reformen auch in Zukunft weitergeführt werden.

Heute hat sich die Situation grundlegend gewandelt, denn nicht nur für Argentinien sitzt eine neue Führung am Verhandlungstisch. Auch das neue Management des IWF fühlt sich für die in der Vergangenheit gemachten Fehler nicht verantwortlich. Man will vielmehr das investierte Kapital so schnell wie möglich aus Argentinien wieder abziehen.

Argentiniens übrige Gläubiger haben deshalb Grund zu der Annahme, dass der Internationale Währungsfonds in den Verhandlungen darauf drängen wird, bei der Rückzahlung der Schulden als Erster berücksichtigt zu werden. Das geht nur, wenn die übrigen Gläubiger stärker bluten.

Gesucht wird die Abkürzung zum Glück

Viele Anleger werden sich heute nur noch mit Befremden daran erinnern, dass es gerade einmal zweieinhalb Jahre her ist, dass sie eine Anleihe mit einer Laufzeit von 100 Jahren begeistert gezeichnet haben. Argentinien ist so klamm, dass an einem Forderungsverzicht kein Weg mehr vorbeiführt.

Die Inflation liegt bei schwindelerregenden 55 Prozent und die Arbeitslosenquote ist die höchste seit vierzehn Jahren. Rund ein Drittel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze und wie schlecht es dem Land und den hier lebenden Menschen wirklich geht, zeigt ein Blick auf die argentinische Währung, den Peso. Er hat seit Anfang 2018 rund 80 Prozent seines Wertes verloren.

Der bisherige Präsident Macri hat mit umfangreichen Reformen auf die schwierige Lage des Landes reagiert. Die ihm zur Verfügung stehenden vier Jahre waren aber viel zu kurz, um eine völlig verfahrene Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen.

Gedankt hat es ihm die argentinische Bevölkerung nicht. Ihr geht es derzeit nur um Wachstum und einen gesicherten Arbeitsplatz, um nicht in die Armut abzurutschen. All das haben die Peronisten im Wahlkampf versprochen. Natürlich ohne irgendwelche schmerzhaften Einschnitte oder Nebenwirkungen.

Die versprochene Abkürzung zu Glück und Wohlstand war zu verlockend, als dass die leidgeprüfte Bevölkerung ihr hätte widerstehen können. So wurden Alberto Fernández und Christina Fernández de Kirchner gewählt. Sie werden nun zeigen müssen, ob sie wirklich über eine bessere Alternative verfügen als die Vorgängerregierung.

Viel Zeit bleibt ihnen nicht und die Argentinier werden vermutlich bereits am Ende des ersten Quartals 2020 wissen, wie viel oder aber wie wenig von ihren Versprechungen aus den Wahlkampfzeiten zu halten ist.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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