Euro: Wenn der schöne Schein trügt

Bernd Heim
By Bernd Heim / 16. Dezember 2019

Der Übergang der Leitung der Europäischen Zentralbank von Mario Draghi auf Christine Lagarde wird sich bald auch in Ihrem Portemonnaie widerspiegeln. Noch dürften die meisten Eurobanknoten, die sich dort befinden, die Unterschrift Mario Draghis tragen. Zukünftige Scheine werden hingegen die Unterschrift der neuen Präsidentin tragen.

Den Wechsel der Unterschriften hat Christine Lagarde dazu benutzt, mit viel medialem Aufwand den Bürgern der Eurozone kundzutun, wie beliebt der Euro doch immer noch ist. Das Vertrauen in die Gemeinschaftswährung sei so stark wie nie zuvor, ließ sich die EZB-Präsidentin Ende November in Frankfurt vernehmen. 76 Prozent der Bürger in der Eurozone seien für die Gemeinschaftswährung.      

Damit habe der Zuspruch zum gemeinsamen Geld einen neuen Höchstwert erreicht. So erfreulich diese Zahl ist, so nichtssagend ist sie zugleich, denn es wird weder genau differenziert, in welchen Ländern der Zuspruch besonders hoch ist und es wird auch nicht thematisiert, warum rund 20 Jahre nach seiner Einführung nahezu jeder vierte Bürger immer noch nicht überzeugt ist von dem Konstrukt.

Dann sagte Christine Lagarde noch, was Politiker bei diesen Gelegenheiten zu sagen pflegen: Mit vielen Worten nichts, oder zumindest nichts, an das man selber glauben und auf das man persönlich hinarbeiten würde. Die Präsidentin betonte, dass das Vertrauen in die Gemeinschaftswährung vorhanden sei und wie wichtig es ist, dieses Vertrauen zu bewahren und weiter zu fördern.

Wahre Worte sind nicht schön und schöne Worte sind nicht wahr

Deshalb sei es die Aufgabe der Europäischen Zentralbank dafür zu sorgen, dass die Banknoten sicher und die Zahlungssysteme robust sind. Vor allem sei aber darauf zu achten, dass der Wert des Euros stabil bleibe.

Nun ja, eine typische Politikerrede, die mit Stillschweigen übergeht, dass man den Euro im Vergleich zum US-Dollar seit Jahren massiv geschwächt hat. Nicht erwähnt wird auch, dass die Europäische Zentralbank seit 2016 im zunehmendem Maße unsicherere Unternehmensanleihen kauft. Es waren auch solche von Pleitekandidaten wie der in Schieflage geratene Möbelkonzern Steinhoff darunter. Die Anleihen wurden in der Zwischenzeit verkauft. Ganz gewiss geschah das nicht zum Einkaufspreis.

Übersehen wird auch, dass das Vertrauen in eine Währung auch mit deren Werterhalt zusammenhängt. Diesem hat man im Frankfurter EZB-Tower gleich von mehreren Seiten her den Kampf angesagt. Zu nennen ist an dieser Stelle zunächst das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank. „Stabil“ ist der Euro erst dann, wenn die Inflation bei mindestens zwei Prozent liegt. Alle Werte darunter werden als unzureichend empfunden und seit Jahren mit einem hektischen Aktivismus, der nicht weniger, sondern mehr Inflation schaffen soll, beantwortet.

Damit sind wir beim zweiten wichtigen Punkt angelangt: den negativen Zinsen. Mit ihnen wird ohne Not der Unterschied zwischen verleihen und verschenken eliminiert. Gleichzeitig wird nicht nur ein Einzelner oder eine kleine Gruppe, sondern gleich eine Gemeinschaft von Volkswirtschaften einem Realexperiment mit unsicherem Ausgang unterworfen.

Von Versuchskaninchen und Truthähnen

Wehren gegen diese Zwangsvereinnahmung können sich die Versuchskaninchen nicht. Einige fühlen sich sogar richtig gut dabei. Sie dürften vor allen in den südlichen Ländern der Eurozone anzutreffen sein und dazu beigetragen haben, dass der Euro auf die 76 Prozent Zustimmung kommt, die ihm derzeit entgegengebracht wird.

Ihr Schicksal erinnert ein wenig an das der amerikanischen Truthähne. Auch sie hatten ein gutes Leben. Es gab Futter im Überfluss und reichlich gute Pflege bis Ende November plötzlich Thanksgiving kam. Da war vom einen auf den anderen Tag plötzlich Schluss mit lustig.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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