US-Wirtschaft: Trügt der schöne Schein?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 19. Dezember 2019

Die amerikanische Wirtschaft ist stark. US-Präsident Donald Trump wird nicht müde, dies zu betonen. Aber das will nicht unbedingt etwas heißen, denn der Präsident hat schon vor geraumer Zeit in den Wahlkampfmodus gewechselt. Ob er ihn je verlassen hat, ist eine andere Frage.

Glaubt man Donald Trump nicht, weil der als Wahlkämpfer die Dinge naturgemäß etwas zu rosig sehen könnte, so sollte man doch wenigstens den Verlautbarungen der US-Notenbank Glauben schenken können. Denn Jerome Powell und seine Kollegen sind zumindest eines nicht: Sie befinden sich anders als der US-Präsident gerade nicht im Wahlkampf.      

Ganz uneigennützig sind die Äußerungen führender Notenbanker aber auch nicht. Wie oft haben es die Finanzmärkte schon erlebt, dass eine Währung stark oder schwach geredet wurde. Das geschah meist in der Weise, dass man die Aufmerksamkeit des geneigten Publikums bewusst in die eine oder andere Richtung gelenkt hat und andere Bereiche dabei bewusst ausgeblendet hat.

Dass die Federal Reserve Bank die US-Wirtschaft als stark ansieht, dürfte den meisten Anlegern nicht entgangen sein. Verwiesen wird dabei immer wieder auf den Arbeitsmarkt. Er ist leergefegt, zumindest was die hoch und höher qualifizierten Arbeitnehmer betrifft.

Ein Loblied auf den Konsum

Methodisch ist die Fokussierung der FED auf den Arbeitsmarkt nicht zu kritisieren, denn wie kaum eine andere Volkswirtschaft ist die US-Wirtschaft vom Konsum und damit vom Binnenmarkt abhängig. Der allgegenwärtige Handelskrieg mag die Preise für die Konsumenten zwar verteuern, aber er trifft die US-Wirtschaft nicht annähernd so stark wie beispielsweise die auf den Export fokussierte deutsche Wirtschaft.

Ist in den USA wirtschaftlich gesprochen also weiterhin alles in Butter, weil praktisch Vollbeschäftigung herrscht? Auf den ersten Blick mag es so scheinen, doch unter der schönen Oberfläche werden auch Risse sichtbar. Auffällig ist, dass das Wachstum in den USA nur noch vom Konsum und steigenden Staatsausgaben getragen wird.

Noch deutlicher als im dritten Quartal, als von 2,1 Prozent Wirtschaftswachstum 1,97 Prozentpunkte im Konsumbereich erwirtschaftet wurden, trat dieser Zusammenhang im zweiten Quartal 2019 hervor. Damals wuchs der Konsum mit drei Prozent so stark, dass er den um 0,7 Prozent schrumpfenden Export und auch die um 1,16 Prozent zurückgehenden Investitionen mehr als kompensiert hat. Unter dem Strich blieb deshalb immer noch ein Wirtschaftswachstum von rund zwei Prozent.

Die US-Wirtschaft ist damit noch stärker als in den Vorjahren darauf angewiesen, dass die Beschäftigung hoch bleibt, denn nur wenn Mr. und Mrs. Smith auch weiterhin über ein ausreichendes Einkommen verfügen, können sie auch in Zukunft im gewohnten Maß konsumieren.

Die schöne Fassade bekommt erste Risse

Wenn die Arbeitsplätze einen so bedeutenden Faktor für das Wachstum darstellen, kann es niemandem gefallen, wenn die Zahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze nur noch langsam oder gar nicht mehr steigt. Neben der Zahl der Arbeitsplätze ist dabei auch ihre Qualität von Bedeutung. Denn wenn ein Vollzeitjob durch zwei schlechter bezahlte Teilzeit- oder Minijobs ersetzt wird, mag die Zahl der Arbeitsplätze vielleicht noch steigen. Die mit ihnen verbundene Kaufkraft wird dennoch zurückgehen.

Schaut man sich an, welche Unternehmen in den USA heute noch neue Mitarbeiter einstellen, wird man in erster Linie bei den mittelgroßen Unternehmen fündig. Aber auch hier nimmt die Dynamik immer weiter ab und es werden deutlich weniger neue Stellen geschaffen als noch vor einem Jahr.

Völlig zum Stillstand gekommen ist die Schaffung neuer Arbeitsplätze bei den kleineren Unternehmen. Sie sind primär auf den Binnenmarkt fokussiert. Damit stellen sie stärker als die mittleren und großen Unternehmen einen Spiegel für die Stärke oder Schwäche der US-Wirtschaft dar.

Wenn nun in diesem Sektor kein neuer Bedarf an Arbeitsplätzen vorhanden ist, dann deutet das darauf hin, dass der wirtschaftliche Boom in den USA seinen Höhepunkt erreicht und mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar überschritten hat. Das ist alles, nur mit Sicherheit kein Signal für eine anhaltende Stärke.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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