Investoren sollten lieber nicht so viel traden

Viele Anleger, die eigentlich langfristig am Markt investiert sein wollen, versuchen dennoch, Kursrücksetzer zu traden. Sie verkaufen in der Phase eines Abschwungs auch jene Aktien, die sie eigentlich langfristig besitzen möchten. Sie tun dies in der Hoffnung, die Aktien zu einem späteren Zeitpunkt günstiger zurückkaufen zu können.

Auf den ersten Blick scheint ein solches Verhalten erfolgversprechend zu sein und Sinn zu machen. Die Schwierigkeiten dieser Strategie liegen aber wie so oft in den Details und deren negative Auswirkungen werden oftmals erst sehr spät sichtbar. Ein Blick auf den Chart des S&P500 Index in den letzten beiden Jahren zeigt warum.      

Der Index weist eine klare übergeordnete Aufwärtsstruktur auf. Der Buy and Hold-Ansatz hätte grundsätzlich in diesem Zeitraum funktioniert. Das ist allerdings keine Gewähr dafür, dass er auch in allen anderen Perioden funktioniert hätte oder zukünftig funktionieren wird.

Die Schwierigkeit der letzten beiden Jahre war ohne Frage das zweite Halbjahr 2018. Damals neigten die Kurse anhaltend zur Schwäche. Sie gingen in eine mittelfristige Abwärtsbewegung über, die erst am 24. Dezember 2018 endete. Heute sagt uns ein flüchtiger Blick auf den Chart, dass es am besten gewesen wäre, im Sommer 2018 zu verkaufen und an den letzten Dezembertagen wieder einzusteigen.

Wir sind alle keine Hellseher

Im Sommer 2018 hatten viele Anleger durchaus berechtigt Grund zu der Annahme, dass nur eine kleinere Korrektur anstehen würde. Etliche Anleger werden zu diesem Zeitpunkt nicht verkauft haben, weil sie nur mit einer schwächeren Konsolidierung und einem bald beginnenden neuen Aufschwung gerechnet haben.

Erst im späten Herbst dürfte so manchem Anleger gedämmert haben, dass diese Korrektur anders ist und größere Verluste mit sich bringen wird. Zu diesem Zeitpunkt war es aber im Grunde zum Verkauf schon viel zu spät, denn wir müssen beim anschließenden Aufschwung ebenfalls unterstellen, dass es einige Zeit gedauert hätte, bis den Anlegern an der Seitenlinie klargeworden wäre, dass dieser Kursanstieg dauerhafterer Natur sein könnte.

So geht bei Ausstieg wie auch beim späteren Wiedereinstieg unweigerlich Zeit verloren. Dass es auch in Zukunft zu Korrekturen kommen wird, ist klar. Doch niemand kann im Vorfeld sicher abschätzen wie lang diese dauern werden und wie groß oder klein die Kursverluste sind, die sie mit sich bringen werden. Damit sind Tradingentscheidungen immer mit einem gewissen Risiko verbunden.

Dieses Risiko können Sie vermindern, in dem Sie auf Aktien mit einer hohen Dividendenrendite setzen. Hoch meint in diesem Fall Renditen, die jenseits der 5,0 Prozent-Marke liegen. Es gibt diese Aktien. Sie sind nicht unbedingt zahlreich und nicht jede ist ein geeignetes langfristiges Investment, doch einige dieser Aktien sind es.

Erziehung zu mehr Gelassenheit

Wer sie als Anleger in seinem Depot hat, ist vor Kursrücksetzern keineswegs sicher. Aber diese Anleger lassen sich ihr geduldiges Abwarten mit einem hohen realen Einkommen versüßen. Die Dividende wird bar bezahlt und stellt ein reales Einkommen dar. Ein Anleger kann diese Einnahmen bei Bedarf verbrauchen aber ebenso auch reinvestieren. Er muss nicht darauf hoffen, einen Käufer zu finden, der ihm seine Aktien zu einem hohen Preis abkauft und damit aus einem unsicheren Buchgewinn einen realen Gewinn macht.

Das schützt nicht unbedingt vor Kursverlusten, die bisweilen, wie in der Finanzkrise, auch sehr schmerzhaft sein können. Aber diese Strategie verhindert, dass eigenes Geld in Form von überflüssigen Gebühren für den Ein- und Ausstieg sinnlos an die Depotbank oder an den Broker abgetreten wird. Dazu entfällt die schwierige und leicht mit Fehlern behaftete häufige Suche nach einem passenden Ein- oder Ausstiegszeitpunkt.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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