Sind die aktuellen Kurse noch gerechtfertigt?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 4. Februar 2020

Viele Anleger neigen dazu, extrem hohe Börsenkurse durch nicht angemessene Erklärungen zu rechtfertigen. Auf diese Weise bleibt die Freude am Aufwärtstrend ungetrübt und Zweifel kommen im besten Fall erst gar nicht auf. So verständlich diese Vorgehensweise ist, so gefährlich ist sie auch, denn negative Aspekte verschwinden bekanntlich nicht dadurch, dass wir sie hartnäckig ignorieren.

An der Börse führt diese Ignoranz immer wieder zu schmerzhaften Verlusten. Deshalb ist jeder Anleger zu jeder Zeit gut beraten, die aktuell unter Tradern und Investoren kursierenden Erklärungsmuster kritisch auf ihre Stimmigkeit zu überprüfen und ggf. entsprechend zu reagieren.      

Wer dies heute tut, begegnet recht schnell der Annahme, im Fall der Fälle würden die Zentralbanken eine aufkommende Krise nicht nur frühzeitig erkennen, sondern auch umgehend handeln und mit geldpolitischen Maßnahmen gegensteuern. Dadurch würde unter den hohen Kursen ein Boden eingezogen. Selbstverständlich einer, der, wenn es darauf ankommt, auch halten wird.

Die hohen Kurse selbst werden derzeit mit den tiefen Zinsen gerechtfertigt. Es heißt, die Anleger hätten keine Alternative, und wenn jeder quasi dazu verdammt ist, sein Geld am Aktienmarkt anlegen zu müssen, na dann können die Kurse doch immer nur steigen. Oder etwa nicht?

Wenn der schöne Schein trügt

Börsen und die an ihnen tätigen Anleger haben ein kurzes Gedächtnis. Manchmal können sie auch gar keine persönlichen Erinnerungen haben, denn heute ist der durchschnittliche Trader nur etwa 30 Jahre alt. Beim Börsencrash 1987 war er noch nicht geboren und beim Platzen der Dotcom-Blase ein kleines Kind.

Investoren sind im Schnitt älter, doch auch ihre Erinnerung verblasst mit der Zeit. Die jüngste Vergangenheit wirkt immer besonders stark nach, und da diese in den letzten zehn Jahren nur positiv war, kann es nicht verwundern, dass tiefere Kurse immer nur als ein Signal zum Einstieg verstanden werden. Dass es auch anders sein könnte, wissen bzw. ahnen nur die wenigsten Anleger.

Hohe Kurse sagen allerdings per se nichts über den Zustand einer Börse aus. Der nächste Crash kann gleich hinter der nächsten Ecke lauern. Er kann aber auch noch einige Jahre entfernt sein, wenn der Markt weiterhin von einem Hoch zum nächsten eilt.

Viel wichtiger als die Kurs sollten den Anlegern daher die Bewertungen sein. Hohe Kurse bedingen noch keine Crashgefahr, eine hohe Bewertung hingegen schon. Liegt das Bewertungsniveau sogar auf einem Rekordhoch sollte größte Vorsicht walten, denn zu hohe Bewertungsniveaus hatten in der Vergangenheit keinen dauerhaften Bestand.

Das Wachstum ist entscheidend, nicht die Zinsen

Dass es dieses Mal anders sein soll, ist nicht zu erwarten. Hohe Bewertungsniveaus sind durchaus zu rechtfertigen und zwar dann, wenn ein Markt oder ein einzelnes Unternehmen stark wächst. In diesem Fall können Investoren mit Blick auf eine noch bessere Zukunft durchaus bereit sein, schon heute höhere Kurse für eine Aktie zu bezahlen.

Die Zinsen sind von den Notenbanken in den letzten Monaten aber genau deshalb gesenkt worden, weil für die Zukunft ein geringeres Wachstum erwartet wird. Die so antizipierte Schwäche will aber nicht so recht zu den hohen Bewertungsniveaus passen, weil diese einen ganz anderen Markt voraussetzen.

Privatanleger sollten deshalb zweierlei im Hinterkopf behalten: Zunächst einmal sind die hohen Aktienkurse keine zwangsläufige Folge niedrigerer Zinsen. Vielmehr sind die niedrigen Zinsen ein Ausdruck der deutlich gesenkten Erwartungen an das zukünftige Wachstum.

Aus dieser Perspektive sind weitere Kursanstieg kaum noch zu rechtfertigen. Diesen Zusammenhang nicht genügend zu beachten, macht die Anleger anfällig für eine systematische Fehleinschätzung der Märkte.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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