Trotz steigender Schulden: Staatsanleihen bleiben Mangelware

Bernd Heim
By Bernd Heim / 10. Februar 2020

Man mag es vor dem Hintergrund der beständig steigenden Schuldenberge kaum glauben, doch in diesem Jahr und vermutlich auch im nächsten Jahr werden Staatsanleihen ein knappes Gut sein, denn die Nachfrage nach ihnen ist höher als das zur Verfügung stehende Angebot.

Schuld an dieser Misere sind die Notenbanken wie beispielsweise die Europäische Zentralbank oder die Schweizer Nationalbank. Sie kaufen Anleihen am Markt auf und räumen damit einen großen Teil des Angebots ab. Das stellt insbesondere viele institutionelle Anleger vor Probleme.      

Sie suchen Anleihen von Schuldnern mit hoher Bonität. Neben den Staatsanleihen erfreuen sich deshalb auch die Bonds von Ländern, Städten und Gemeinden einer hohen Beliebtheit. Aber auch hier schrumpft das zur Verfügung stehende Angebot. Am Schweizer Kapitalmarkt sind die Anleger bereits seit Jahren schrumpfende Volumina gewohnt.

Um der Misere zu entgehen greifen viele institutionelle Anleger inzwischen auf Pfandbriefe zurück. Mit einem ausstehenden Volumen von 68,8 Milliarden Franken hat die Pfandbriefbank die Eidgenossenschaft als größten Schuldner in der Schweiz bereits abgelöst und den Bund auf den zweiten Platz verdrängt.

Mangel an Alternativen und eine kaufwütige EZB

Für den Pfandbrief spricht das hervorragende Trippel A-Rating. Ebenfalls von Vorteil ist, dass beständig neue Schuldtitel emittiert werden. Der Markt weist damit eine hohe Liquidität auf, was gerade für die institutionellen Anleger von Vorteil ist. Allerdings könnten Verwerfungen am Immobilienmarkt in einer Krise auch die Käufer von Pfandbriefen in eine problematische Situation bringen.

Im Euroraum stellt sich die Lage kaum anders dar als in der kleinen Schweiz. Zwar sind die Volumina, um die es hier geht, andere, doch die Probleme für die Anleger sind mehr oder weniger die gleichen: Es mangelt an Staatsanleihen.

In diesem Jahr wird erwartet, dass in der gesamten Euro-Zone Anleihen im Wert von 870 Milliarden Euro emittiert werden. Damit liegt das Volumen der Neuemissionen etwas über dem des Vorjahres. Gleichzeitig werden 690 Milliarden Euro an alten Schulden fällig. Der Schuldenberg der Staaten der Euro-Zone wächst somit um 180 Milliarden Euro. Auch das ist ein leichtes Plus gegenüber 2019.

Dennoch werden die meisten Anleger sich um die Anleihen streiten müssen, denn unter dem Strich wird ein Minus von 80 Milliarden Euro erwartet. Schuld daran ist das wieder aufgelegte Anleihenkaufprogramm der Europäischen Zentralbank. Sie investiert monatlich nun wieder 15 Milliarden Euro in Staatsanleihen. Weitere fünf Milliarden Euro fließen in Covered Bonds und Unternehmensanleihen.

Auslaufende Anleihen bringen den Markt unter Druck

Ein Problem für den Markt stellen dabei die zur Rückzahlung anstehenden Anleihen dar. In ihnen ist viel Kapital gebunden, das sofort nach einer neuen Anlagemöglichkeit sucht. Ist das Volumen der zur Zurückzahlung anstehenden Anleihen hoch und das Neuemissionsvolumen gleichzeitig verhältnismäßig klein, werden die Käufer kaum auf hohe Zinsen hoffen können, denn das Gerangel um die neuen Anleihen ist groß und das drückt deren Preis.

Weltweit stehen in 2020 in den entwickelten Volkswirtschaften Anleihen im Wert von 8,7 Billionen US-Dollar zur Rückzahlung an. Die USA sind und bleiben der Schuldner mit dem größten Refinanzierungsbedarf. Fast fünf Billionen US-Dollar müssen sie umschulden. Mit deutlichem Abstand folgen Japan mit 1,92 Billionen US-Dollar und China mit 351 Milliarden US-Dollar auf den Plätzen zwei und drei.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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