Im Rausch lebt es sich leichter – auch als Anleger

Bernd Heim
By Bernd Heim / 12. Februar 2020

Starke Medikamente sind in der Regel auch mit starken, nicht zu unterschätzenden Nebenwirkungen verbunden. Diese Erkenntnis ist nicht neu und sie gilt auch für das an den Kapitalmärkten seit Jahren zum Einsatz kommende Mittel der expansiven Geldpolitik der Notenbanken.

An ihr wird aller Kritik zum Trotz festgehalten wie an einem Dogma. Das billige Geld der Notenbanken hat die Welt in der Finanzkrise gerettet. Dieses Credo wird auch heute noch wie eine Monstranz vor uns hergetragen. Dabei ist die in diesem Satz ausgesprochene Behauptung keinesfalls unbestritten.       

Die meisten Wirtschaftswissenschaftler werden sich wohl noch auf die Aussage verständigen können, dass die Notenbanken während der Finanzkrise durch die aggressive Versorgung der Wirtschaft mit Liquidität zunächst Schaden abgewendet haben.

Schon deutlich mehr umstritten ist die mittel- bis langfristige Perspektive. Wurde der Schaden auch dauerhaft abgewendet oder wurde er nur kurzfristig abgewendet? Wurde vielleicht auch nur fahrlässig auf Zeit gespielt und es kommt am Ende ein noch viel größerer Schaden auf uns zu als er 2008 ohne das Eingreifen der Notenbanken entstanden wäre?

Gefährliche Touren in unerforschtem Gelände

An dieser Stelle ist es schon deutlich schwerer, Einigkeit in der Zunft der Ökonomen herzustellen. Fakt ist, dass die Bilanzen der führenden Zentralbanken heute sechs-, sieben- oder wie im Fall der Schweizer Nationalbank neunmal so groß sind wie noch im Jahr 2000.

Die Wirtschaft ist nicht annähernd so stark gestiegen wie die Geldmenge. Nicht einmal im Wachstumsparadies China befinden sich die Wirtschaftsleistung und die privaten und öffentlichen Schuldenstände heute noch in dem „guten“ Verhältnis, in dem sie zu Beginn des neuen Jahrhunderts angetroffen wurden.

Verschleiert wird diese Entwicklung durch das Gerede von einer „neuen Normalität“. Die Diskussion um die Frage, ob wir heute wirklich in einer neuen Normalität leben, verschleiert aber, worum es tatsächlich geht. Dass die niedrigen Zinsen seit einigen Jahren eine neue und damit von vielen als „normal“ empfundene Lebenswirklichkeit sind, soll gar nicht bestritten werden. Die Frage ist allein, ob diese „neue Normalität“ wirklich gut für uns ist.

Ein Beispiel aus dem Alltagsleben führt uns die Absurdität der augenblicklich geführten Debatte eindrucksvoll vor Augen: Hätte ein nüchterner Anleger im Jahr 2008 damit begonnen, seine Ängste um die Stabilität des Finanzsystems dadurch zu kurieren, dass er Tag für Tag eine Flasche hochprozentigen Alkohol konsumiert und hätte er danach die Anfangsdosis Jahr für Jahr deutlich gesteigert, wäre er bis heute zu einem abhängigen Alkoholiker geworden.

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Dass der Tag bereits morgens vor dem Frühstück mit einer Portion Alkohol beginnt und abends im Vollrausch endet, wäre die neue Normalität. Aber ist diese Normalität wirklich gesund? Fördert sie die Gesundheit des Anlegers oder macht sie ihn auf Dauer krank, schwach und vollkommen abhängig? Führt sie am Ende vielleicht sogar zu seinem vorzeitigen Tod?

Im Fall des alkoholisierten Anlegers dürften bis auf die Brauereibesitzer und die in den Spirituosenhandel investieren Aktionäre die meisten Marktteilnehmer wohl schnell zu der Übereinkunft kommen, dass eine Ausnüchterung des Patienten das beste Mittel ist. Auch wenn diese Ausnüchterung gerade zu Beginn der Therapie mit schweren Entzugserscheinungen und großen körperlichen Schmerzen verbunden ist.

Schwenkt man den Blick allerdings von der Droge Alkohol auf die Droge Geld, schwindet die allgemeinen Zustimmung zu einer Absetzung des Mittels rapide. Dabei ist hinlänglich bekannt, dass eine Medizin, die zu lange und in zu großen Mengen verabreicht wird, am Ende ihre Wirkung verliert.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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