Wenn China hustet, liegen die Ölmärkte auf der Intensivstation

In den vergangenen Jahren wurde China immer wieder als der große Staubsauger bezeichnet, der mit seinem immensen Hunger nach Rohstoffen, die Rohstoffmärkte beständig leerfegte. Zu Beginn des Jahrhunderts war der chinesische Rohstoffhunger etwas Neues, was nur die wenigsten Anleger auf ihrem Radar hatten.

Damals ging gerade der New Economy-Boom zu Ende. Der Westen glitt in eine Rezession ab und die Märkte erwarteten fallende Rohstoffpreise. Diese sah man anschließend jedoch nicht, weil der geringere Verbrauch im Westen durch die neue Nachfrage aus China mehr als ausgeglichen wurde.      

Inzwischen haben wir uns an die veränderte Situation gewöhnt. Damit wächst die Gefahr auf der anderen Seite und uns wird erst durch das Aufkommen des Corona-Virus bewusst, was passiert, wenn der große Staubsauger aus dem Reich der Mitte plötzlich abgeschaltet wird.

Die Aktienmärkte haben nur sehr kurz und im Grunde auch sehr zurückhaltend auf das neue Virus reagiert. Es war für zwei, drei Tage ein Belastungsfaktor, dann aber ging die Party wie gewohnt weiter. Viele Anleger werden deshalb erst an der Tankstelle bemerkt haben, dass etwas anders war.

Wenn ein Gigant plötzlich stillsteht

Denn im Gegensatz zu den Aktienmärkten haben die Rohstoffmärkte sehr massiv auf das neue Virus und die von der chinesischen Regierung getroffenen Maßnahmen reagiert. Besonders kräftig fielen die Abschläge beim Erdöl aus. Der Preisrückgang war so groß, das sich die OPEC im Einklang mit verbündeten Erdölstaaten genötigt sah, über Sonderkonferenzen und neue Produktionskürzungen nachzudenken.

Diese werden wohl kommen, denn trotz der jüngsten Erholung des Ölpreises liegen die Notierungen noch immer um rund 20 Prozent unter den im frühen Januar erreichten Hochs. Der Grund für diesen rasanten Preissturz ist die stark gefallene Rohölnachfrage aus China.

Das Land ist der größte Erdölimporteur der Welt. Am Markt werden Zahlen herumgereicht, die davon ausgehen, dass die chinesische Ölnachfrage um 20 Prozent zurückgegangen sei. Es könnte durchaus noch schlimmer kommen, denn bislang sind es primär, die Ferien zum chinesischen Neujahr, die das Land lähmen.

Erst in den kommenden Tagen, wenn das Riesenreich eigentlich wieder zur Normalität übergehen will, wird deutlich werden, wie stark die Beeinträchtigungen tatsächlich sind. Selbst wenn das Corona-Virus weitestgehend auf China beschränkt bleibt, werden die wirtschaftlichen Folgen schon bald weltweit zu spüren sein.

Die Werkbank der Welt steht still

Die globale Welt ist nicht nur vernetzt. Sie ist vor allem ein feines Geflecht von Lieferbeziehungen. Viele Produkte und Vorprodukte werden im Reich der Mitte gefertigt. Werden sie in Kürze knapp, weil die Produktion in China weiterhin gestört ist, werden auch in anderen Teilen der Welt die Räder schnell stillstehen.

Die Rohstoffmärkte haben dieses Szenario in den vergangenen Tagen eingepreist. Brian Galvery, der Finanzchef des britischen Energiekonzerns BP, prognostizierte in der vergangenen Woche einen durchschnittlichen Rückgang der Nachfrage nach Erdöl von bis zu 500 000 Fass pro Tag im laufenden Jahr.

Anfang Januar waren die Märkte noch von einem Zuwachs von 1,2 Millionen Barrel pro Tag ausgegangen. Die OPEC bereitet sich sogar auf einen noch größeren Rückgang der Nachfrage vor, denn das Kartell rechnet damit, dass der tägliche Bedarf um bis zu eine Million Fass zurückgehen könnte.

Eine kurzfristige Entspannung der Lage ist nicht zu erwarten, denn in China scheinen die Infektionszahlen noch nicht ihr Maximum erreicht zu haben. Erst wenn dieses nachhaltig überschritten ist, kann davon ausgegangen werden, dass die Behörden die Infektionskrankheit in den Griff bekommen haben.

Danach werden sich auch das Leben in China und mit ihm die Erdölnachfrage langsam wieder normalisieren. Dass dies vor dem Maximum der Infektionen geschehen soll, ist aber eher nicht zu erwarten.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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