Gewinne gegen den Zeitgeist?

Der Zeitgeist ist inzwischen grün, der Klimaschutz in aller Munde und auch an der Börse haben die Anleger längst auf den neuen Trend reagiert. Ungeliebte Branchen wie Waffenhersteller, Spirituosen- und Tabakkonzernen oder Kraftwerksbetreiber werden gemieden.

Gesucht werden hingegen Aktien, die den sogenannten ESG-Kriterien (Environment, Social, Governance) genügen. Vermögensverwalter wie der zum Allianz-Konzern gehörende Asset-Manager Pimco betonen, dass sie in ihre Strategien immer mehr ESG-Kriterien integrieren werden.      

Larry Fink, der Chef des US-Vermögensverwalter Blackrock, lässt in seinem jüngsten CEO-Letter die Vorstände wissen, dass Blackrock zukünftig keine klimaschädlichen Geschäfte in seinem Portfolio mehr akzeptieren wird. Die Richtung scheint eindeutig zu sein und der Zug an vielen Stellen zumindest schon angefahren zu sein.

Die prominenten Beispiele haben längst Schule gemacht. Problembranchen wie Kohle oder die Öl- und Gasförderung werden gemieden, wie das Weihwasser vom Teufel. So legitim der Wunsch der Anleger ist, nur noch mit klimafreundlichen Aktien Gewinne zu erzielen, so unrealistisch ist er zugleich.

Jede Wende benötigt ihre Zeit

Wir träumen zwar derzeit von einer klimaneutralen Welt, leben aber immer noch in einer anderen. Die Mehrheit der Autos ist immer noch mit Verbrennungsmotoren ausgerüstet. So fährt die Masse der Autofahrer auch weiterhin zur Tankstelle und nicht zur Steckdose.

Derzeit wird intensiv darüber gestritten, wie schnell oder wie langsam der Übergang vollzogen werden soll. Die Debatte sollte aber nicht den Blick der Anleger auf die derzeit noch gegebene Realität verstellen. Fossile Energieträger werden noch für einen langen Zeitraum unverzichtbar sein.

Das bedeutet aber auch, dass die in diesen Bereichen aktiven Unternehmen noch auf Jahre hinaus gute Geschäfte machen werden. Der Abgesang auf diese angeblich zum Sterben verdammten Dinosaurier könnte deshalb viel zu früh kommen, wenn nicht sogar völlig unangebracht sein.

In vielen dieser heute von den Anlegern verschmähten Unternehmen und Branchen ist so viel Geld vorhanden, dass man sich und seinen Geschäftszweig durchaus noch zweites Mal neu erfinden kann. Einen Royal Dutch Shell- oder Exxon Mobile-Konzern mag es deshalb auch in 50 Jahren immer noch geben.

Vermögensverwaltung sollte realitäts- und nicht marketinggetrieben sein

Aber möglicherweise werden wir heute lebenden Anleger ihn dann kaum noch wiedererkennen. Die zum Wandel zur Verfügung stehende Zeit ist lang genug und wer sagt uns heute, dass diese Chancen morgen von den betroffenen Firmen nicht genutzt werden.

Die derzeitige Entwicklung im Anlagebereich muss sich deshalb die Frage gefallen lassen, ob sie sich wirklich noch an der gegebenen Realität orientiert oder ob sie nicht viel zu sehr vom Marketing getrieben wird. Es stimmt, grüne Investments verkaufen sich derzeit besonders leicht und gut.

Aber bedeutet das auch, dass die finanzielle, moralische und emotionale Rendite hier am Ende eine höhere sein wird? Diese Frage sollte sich jeder Anleger in einer ruhigen Minute immer wieder einmal stellen, damit am Ende nicht die falschen Entscheidungen getroffen werden.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: