Die Angst vor dem kommenden Bärenmarkt – oder die Geschichte von wahren Investoren und nervösen Spekulanten

Bernd Heim
By Bernd Heim / 25. Februar 2020

Es gibt eine Regel, die an der Börse bislang noch nie außer Kraft gesetzt wurde: Auf Bullenmärkte folgen Bärenmärkte und auf diese wiederum neue Bullenmärkte. Wer diese Regel kennt und auf die aktuelle Situation anwendet, der hat Grund, sich Sorgen zu machen, denn der Bullenmarkt, in dem wir uns immer noch befinden, ist einer der längsten der Geschichte.

Dass er nicht ewig andauern wird, ist klar. Ebenso, dass auf ihn ein neuer Bärenmarkt folgen wird. Ob es sich dabei um eine handelsübliche Korrektur oder einen epochalen Crash handeln wird, ist im Vorfeld kaum abzuschätzen. Zu viele Einflussfaktoren spielen eine Rolle und zu viele Dinge können zusammenkommen oder auch nicht.      

Die Geschichte zeigt zudem, dass Bullenmärkte wesentlich länger andauern als Bärenmärkte. Zumindest zeitlich ist damit die Abwärtsphase schneller vorüber. Das ist bei hohen Verlusten zwar kein Trost, hilft aber beim Blick auf die kommende Krise, die richtige Strategie zu wählen.

Wie immer sich der nächste Bärenmarkt konkret darstellen wird, es spricht viel für die These, dass die Investoren leichter mit ihm fertig werden, die über eine Auswahl starker Unternehmen in ihren Depots verfügen. Zwar werden auch diese Aktien Verluste erleiden. Doch weil die Unternehmen gut sind, darf ihnen unterstellt werden, dass sie die Krise meistern werden.

Solide Bilanz oder hoher Kurs?

Niemand weiß, wann anschließend der nächste Bullenmarkt beginnen wird, doch sobald er startet, werden sich auch die Aktien der guten Unternehmen wieder erholen und im Kurs ansteigen. Gleiches wird man von den überteuerten Firmen nicht behaupten können. Ihre Kurse sind im späten Bullenmarkt nicht nur gestiegen, sondern viel zu stark gestiegen.

Mondpreise werden nur in Zeiten der Euphorie von den Anlegern bezahlt und das in der Regel auch nur ein einziges Mal. Für den nachfolgenden Bärenmarkt und den später auf ihn folgenden Bullenmarkt bedeutet dies, dass die überzogenen Kurse sich schnell in Luft auflösen werden und die Aktienkurse starke Verluste erleiden. Von ihnen werden sie sich anschließend nur sehr langsam und möglicherweise auch nie mehr erholen.

Ein Grund für diese Entwicklung ist die Fokussierung vieler Anleger auf den Kurs. Eine Aktie, die steigt, ist eine gute Aktie. Fällt hingegen der Kurs, glaubt so mancher Anleger, eine schlechte Firma gekauft zu haben. So naheliegend diese Sichtweise ist, so falsch ist sie zur gleichen Zeit, denn der Kurs ist kein Bewertungsmaßstab für den Wert eines Unternehmens.

Was der Kurs allerdings sehr gut ausdrückt, sind die aktuellen Vorlieben und Abneigungen der Anleger. Das sind Emotionen, die für das Börsengeschehen durchaus von großer Bedeutung sind. Eine Aussage über den wahren Wert einer Firma enthält der Kurs dadurch aber noch lange nicht. Zu oft haben die Anleger mit ihrer Meinung vollkommen danebengelegen.

Sind Sie Investor oder Spekulant?

Anleger, die primär auf den Kurs schauen, sind in erster Linie Spekulanten und keine Unternehmer. Es kommt ihnen alleine darauf an, dass der Kurs steigt. Was das jeweilige Unternehmen tut, wie seine Stellung am Markt ist, wie viele Patente es hält, wie es um seine Forschungsaktivitäten bestellt ist und welche Reputation es bei seinen Mitarbeitern und Kunden genießt, ist eher zweitrangig.

Wer hingegen als Anleger auf diese Dinge achtet, weil sie für die Qualität und damit für den wahren Wert des Unternehmens stehen, der agiert nicht wie ein Spekulant, sondern wie ein Unternehmer. Erworben wird die Aktie, um dauerhaft Teilhaber an diesem Unternehmen zu sein, nicht weil der Kurs gerade steigt.

Gekauft wird eine Aktie von diesen Investoren jedoch nicht, weil die Stimmung gerade gut oder der Aufwärtstrend intakt ist. Es werden auch keine überzogenen Preise bezahlt. Sondern gekauft werden diese Unternehmen, weil die Teilhabe an ihnen primär unter langfristigen Gesichtspunkten einen Erfolg verspricht.

Dieser langfristige Geschäftserfolg wird auch durch kurze Bärenmärkte nicht generell infrage gestellt. Natürlich werden auch die guten Unternehmen in schlechteren Jahren Federn lassen. Aber sie laufen nicht Gefahr, vollkommen vom Markt zu verschwinden und unterzugehen.

Kaufleute wissen, dass der Gewinn im Einkauf liegt. Diese Weisheit hat auch an der Börse ihre Gültigkeit. Deshalb ist gerade in der Endphase eines Bullenmarktes der Kauf von Qualität die beste Überlebensversicherung für einen Anleger. Sie schützt nicht vor kurzzeitigen Verlusten, sichert aber den langfristigen Erfolg und erspart all jene schmerzhaften Pleiten, die entstehen, wenn aus Blasen irgendwann einmal die Luft abgelassen wird.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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