China: Das Jahr der Ratte begann mit einem Rattenschwanz an Verkäufen

Lange Zeit hatten die Anleger in China keine Chance, auf die Ausbreitung des Corona-Virus zu verzichten, denn die Börsen des Landes waren wegen des chinesischen Neujahrsfestes bis Mitte Februar geschlossen. Doch als nach den einwöchigen Ferien der Handel wieder aufgenommen wurde, machte die Herde sich schnell auf den Weg.

Chinas Privatanleger, die ohnehin als wilde Zocker bekannt sind, weil sie auch kleine Gewinne schnell mitnehmen und sich eher als Trader denn als langfristig agierende Investoren verstehen, drückten den Verkaufsknopf. Sie taten das solange, bis die offiziellen Maßnahmen begannen, die dazu beitragen sollen, dass in einer Panik, die Kurse nicht ins Bodenlose fallen.       

In China liegt deshalb das maximale Minus der täglichen Verluste bei zehn Prozent. Erreicht eine Aktie diesen Wert, wird der Handel sofort ausgesetzt. Dass nicht nur einige wenige Aktien von dieser Regel betroffen sein würden, war im Vorfeld zu erwarten gewesen. Es gab aber die Hoffnung, dass die Zahl der Handelsaussetzungen dennoch im Rahmen bleiben würde.

Diese Hoffnung wurde schnell enttäuscht, denn der Markt fiel wie ein Stein. Dass es am Ende 3.500 Aktien sein würden, die mittels einer Handelsaussetzung vor weiteren Kursverlusten bewahrt werden mussten, dürfte so manchen Beobachter dennoch überrascht haben.

Chinas Anleger im Rette-sich-wer-kann-Modus

Die Börsen in Shanghai und Shenzhen waren im Ausnahmezustand. Ihr wichtigster Index der CSI300 lag in der Spitze um neun Prozent und zum Handelsende immer noch um acht Prozent im Minus. Erfasst von der Verkaufswelle wurden nahezu alle Aktien und Branchen. Gefragt waren bei den Anlegern nur wenige Aktien, allen voran die Pharmawerte.

In keinem Land der Welt hat das neue Virus bislang so viele Todesopfer gefordert wie in China. Nirgendwo sonst ist die Angst vor wirtschaftlichen Folgen derzeit größer. Deshalb waren Kursverluste bei der Wiedereröffnung der chinesischen Börsen erwartet worden. Verluste in diesem Ausmaß hatte jedoch nur die wenigsten auf dem Schirm.

Das ganze Ausmaß der Krise lässt sich noch nicht abschätzen. Erste Stimmen zeichnen aber durchaus ein düsteres Bild an die Wand. Die Nachrichtenagentur Bloomberg zitierte Marktteilnehmer, die von einem Rückgang des chinesischen Erdölverbrauchs um 20 Prozent ausgingen.

Gestützt wurde das Bild von den chinesischen Terminmärkten. Dort wurden auch die Futurekontrakte für Kupfer und Eisenerz ausgesetzt, weil sie unter das zulässige Verlustlimit gefallen waren. Viele Ökonomen haben ihre Erwartungen für 2020 und das diesjährige Wirtschaftswachstum bereits deutlich gesenkt.

Wie viel Sorge ist angebracht?

Wie lange der hohe Verkaufsdruck anhalten wird, ist kaum vorherzusehen. Klar ist, dass die Privatanleger um ihre Ersparnisse fürchten. Zudem benötigen sie Geld, wenn sie sich selbst oder ihre Verwandten medizinisch versorgen wollen. Klar ist auch, dass die Regierung eine anhaltende Massenpanik verhindern will. Sie hat die People’s Bank of China deshalb schon reagieren lassen.

Chinas Zentralbank versucht gegenzusteuern und sichert dem Markt ausreichend Liquidität zu. Eine erste Geldspritze wurde dem Markt gleich am Montag verabreicht. Da gleichzeitig aber viele Kredite fällig wurden, hielt sich der Nettozufluss zunächst noch in Grenzen. Wir können allerdings davon ausgehen, dass die Notenbank erneut reagieren wird, sollte der massive Verkaufsdruck anhalten und die Stimmung an den Märkten nicht drehen.

Die westlichen Börsen haben bislang noch nicht allzu stark auf das Virus und seine möglichen Auswirkungen reagiert. Vor dem Hintergrund der zuvor stark gestiegenen Kurse ist die nur moderate Reaktion durchaus bemerkenswert. Ob sie angemessen ist, wird die Zukunft zeigen.

Anleger sollten aber im Hinterkopf behalten, dass sich die Märkte immer wieder zu irren pflegen, diese Irrtümer dann aber mitunter sehr scharf korrigieren. Für die aktuelle Situation könnte dies bedeuten, dass die entspannte Sorglosigkeit der europäischen und amerikanischen Märkte durchaus in Besorgnis und Panik umschlagen kann, wenn die Märkte in Shenzhen, Shanghai und Hongkong nicht zur Ruhe kommen sollten.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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