Die Märkte sind perfekt, die Realwirtschaft leider nicht

Die These, dass unsere Welt uns nur dann als perfekt erscheint, wenn wir auf die Lage an den Finanzmärkten und nicht auf die reale Wirtschaft schauen, vertritt der dänische Chefstratege der Saxo Bank, Steen Jakobsen, in seiner jüngsten Präsentation. Er ist bekannt für prägnante aber bisweilen auch konträr zum herrschenden Markt- und Zeitgeist stehende Aussagen.

Deutlicher als die Märkte dies bislang wahrhaben wollen sieht Jakobsen die negativen Auswirkungen, die die Streitigkeiten um die Handelsfragen bereits auf das globale Wirtschaftswachstum haben. Er sieht deshalb viele Probleme auf die Notenbanken und die Anleger zukommen.      

Für das Jahr 2020 benennt Steen Jakobsen drei bestimmende Einflussfaktoren für die Börsen: China, die US-Präsidentenwahl im November und das schwindende Vertrauen in die segensreiche Wirkung negativer Zinsen. Letztere entwickeln sich zunehmend zu einer Steuer, die vor allem von den ärmeren Schichten zu bezahlen ist.

Vielen Teilnehmern an den Finanzmärkten wird zunehmend klarer, dass die negativen Zinsen nicht die gewünschte Wirkung haben. In der Vergangenheit hat das Mittel funktioniert. Aber heute funktioniert es nicht mehr. Der Stimulus, den die Wirtschaft durch die Nachfrage nach neuen Krediten erfährt, wird immer geringer. Je tiefer die Zinsen sinken, desto stärker nimmt die Wirkung auf die Inflation und die Dynamik des Geldumlaufs ab.

Wenn aus dem Heilmittel ein Gift wird

Eine Folge der negativen Zinsen ist, dass der Zugang zu Krediten erschwert wird, weil aufgrund der regulatorischen Anforderungen höhere Sicherheiten gestellt werden müssen. Sind diese nicht oder nicht ausreichend vorhanden, sind Banken kaum noch gewillt, Darlehen und Hypotheken an ältere Menschen, Studenten oder an die Bezieher niedriger Einkommen zu vergeben.

Der Traum vom Eigenheim ist damit ausgeträumt, bevor er erst richtig begonnen hat. Für die Betroffenen bleibt damit nur die Mietwohnung als Ausweg. Weil die Mieten gleichzeitig stark steigen, wächst die Kluft zwischen Arm und Reich. Die zunehmende Ungleichheit birgt wiederum die Gefahr, dass eine ganze Generation nicht in der Lage ist, die Ersparnisse aufzubauen, die notwendig sind, um beispielsweise mit einer selbstgenutzten Immobilie einen Teil der eigenen Altersvorsorge zu bestreiten.

Steen Jakobsen misstraut auch der Ansicht, die Lage an den Märkten sei gut und die Notenbanken hätten alles unter Kontrolle. Wenn dem so ist, warum muss dann die US-Notenbank bereits seit September den amerikanischen Repo-Markt stützen und das mit Summen, die alles andere als klein und unbedeutend sind, fragt er zurecht.

An dieser Stelle gibt er zu bedenken, dass bislang jede Finanzkrise als Liquiditätskrise begonnen hat. Fehlende Liquidität ist ein Zeichen von mangelndem Vertrauen. Deshalb sollten Investoren immer dann hellhörig werden, wenn es Anzeichen für eine zunehmende Illiquidität an den Finanzmärkten gibt. Eine solche Vorsicht ist derzeit angebracht, denn aus Steen Jakobsens Sicht zeigen mehrere Teile des Marktes bereits Anzeichen von mangelnder Liquidität.

Die US-Wahl ist noch nicht entschieden

Bis in den USA im November ein neuer Präsident gewählt wird, vergeht noch eine Menge Zeit. Doch die Finanzmärkte sind sich sicher: Donald Trump wird am Ende als der Sieger aus dem Rennen um das Weiße Haus hervorgehen. Als Folge dieser großen Zuversicht scheint die Wahlparty an der Wall Street bereits in den ersten Monaten des neuen Jahres gefeiert zu werden.

Auch an dieser Stelle teilt Steen Jakobsen die Zuversicht des Marktes nicht. Er hält die Wahl für weitgehend offen und er erwartet weder von einem Sieg des amtierenden Präsidenten noch von einem Sieg des demokratischen Gegenkandidaten einen positiven Effekt auf die Wirtschaft für die ab 2021 folgenden Jahre.

Donald Trump tut derzeit alles, um seine Wiederwahl zu sichern. Die US-Wirtschaft wird mit einem kreditfinanzierten Ausgabenprogramm hochgehalten und für die Börse gibt es das billige Geld der Notenbank. Beides hat jedoch seinen Preis, der spätestens ab 2021 zu bezahlen sein wird.

Geht die Wahl im November anders aus als es der Markt derzeit antizipiert, ist mit einem neuen US-Präsidenten zu rechnen, der in vielen Dingen einen Gegenentwurf zum derzeitigen Amtsinhaber darstellen wird. Dies dürfte nicht nur die Pharma-Branche irritieren. Auch die Banken, die Geld- und die Klimapolitik dürften betroffen sein, sodass die Märkte genügend Grund haben, einmal kräftig durchgeschüttelt zu werden.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: