Von Crashs und Grippewellen

Wenn die Kanonen donnern, die Kurse fallen und reichlich Blut durch den Rinnstein der Wall Street fließt, gießen die Medien in der Regel noch einen Beutel mit Blutkonserven hinterher. Das sind dann meist die Berichte über frühere Krisen und Crashs. Sie werden gerne in Erinnerung gerufen, wenn die Gefahr besteht, dass die Anleger das dauernde Gerede vom Crash nicht mehr ernst nehmen. Und diese Gefahr besteht.

Sie ist allerdings selbst gemacht, denn wenn Sie sich an die letzten drei bis vier Jahre zurückerinnern, dann gab es keine Zeit, in der das Wort Crash wirklich angebracht gewesen wäre, um das Geschehen an den Märkten treffend zu beschreiben. Trotzdem wurde es immer wieder verwendet, um auch kleinere Korrekturen ausreichend zu dramatisieren.      

Seit Ende Februar ist es allerdings anders. Die Kurse fallen wirklich sehr schnell und wie die Analysten der Deutschen Bank herausgefunden haben, hat der S&P500-Index in den USA noch nie in seiner Geschichte eine so kurze Zeit benötigt, um von seinem Hoch an den Ausgangspunkt seiner letzten Rallye zurückzukehren.

Jetzt wäre es wesentlich angebrachter von einem Crash zu reden als in früheren Jahren. Aber gerade jetzt hat das Wort schon viel von seinem Schrecken verloren, weil es in der Vergangenheit viel zu oft an der falschen Stelle und im falschen Kontext benutzt wurde.

Willkommen im Jahrhundert der Medienhysterie

Das Phänomen ist allerdings nicht auf die Börse beschränkt, wie derzeit an der medialen Aufarbeitung des Corona-Virus fast täglich studiert werden kann. Zu einer Zeit, als in Deutschland rund 200 Personen sich mit dem Virus infiziert hatten, aber zum Glück noch keiner an ihm gestorben war, sprach der Bundesgesundheitsminister vom Ausbruch einer Epidemie.

Solche Warnungen hat man vor zwölf Monaten nicht von ihm vernommen. Der Winter 2018/19 war ein ganz normaler Winter – zumindest medizinisch betrachtet. Es gab die üblichen Erkältungen und auch die kaum zu vermeidende Grippewelle. An diesen Grippewellen sterben in Deutschland pro Jahr einige hundert Menschen. Im Winter 2017/18, als die Influenza in Deutschland besonders schwer wütete, kam eine ganze Kleinstadt ums Leben. Auf 25.100 Tote und über neun Millionen Arztbesuche schätze das Robert Koch Institut die Folgen der Influenza damals.

In anderen Ländern sind die Zahlen ähnlich. Aber weder dort noch hierzulande überbieten sich die Medien im Winter mit reißerischen Schlagzeilen zur Ausbreitung der Krankheitswelle und das Wort Epidemie nimmt in diesem Zusammenhang auch niemand in den Mund.

Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Etwas mehr als 200 mit dem Corona-Virus infizierte Menschen, von denen einige inzwischen sogar schon wieder genesen waren, wurden uns bereits Anfang März als eine Epidemie verkauft und eine Nation geriet kollektiv in Panik. Aber wenn 25.000 Deutsche im Winter an Grippe sterben, werden weder Schulen geschlossen, noch Veranstaltungen abgesagt und die Medien schauen auch nicht hin. Man spricht einfach von einer Grippewelle und geht zur Tagesordnung über.

Nicht hinschauen als Lösung?

Damit wir uns nicht missverstehen: Ich will weder die vom Corona-Virus ausgehende Gefahr verharmlosen, noch das aktuelle Geschehen an den Börsen in seiner Bedeutung herunterspielen. Worauf ich Sie allerdings aufmerksam machen möchte ist, dass in unserer heutigen Zeit nur noch der Aufmerksamkeit erhält, der besonders laut oder schrill schreit.

Das gilt für die normalen Medien ebenso wie für die Sozialen Medien. Auch hier wird, nur um Klicks und Likes zu generieren, aus der kleinsten Mücke schnell der größte Elefant. Das wäre alles nur halb so schlimm, wenn es nicht Leute gäbe, die sich von dieser Hysterie beeinflussen lassen. Die beispielsweise in der Korrektur überstürzt ihre Aktien verkaufen, weil sie den Jahrhundertcrash erwarten.

Sinnvoller wäre es, sich gerade in der Krise ins stille Kämmerlein oder in die Ruhe und Einsamkeit des Waldes zurückzuziehen und dort ganz unbehelligt von aufpoppenden Nachrichten und schrillen Überschriften der Frage nachzugehen, welche Strategie man an der Börse eigentlich verfolgt. Für so banale Fragen haben die Nachrichtenjunkies natürlich keine Zeit. Sie könnte aber gerade an der Börse einen wichtigen Schlüssel zum Erfolg darstellen.

Zeit ist Geld – Im einen wie im anderen Fall

Sind Sie Trader, müssen Sie umgehend handeln, wenn der Markt andeutet, dass er drehen könnte. Ist das Ihre Strategie, sind Sie als Trader im Markt unterwegs, dürfen Sie keine Zeit verlieren, denn Zeit ist an dieser Stelle Geld, das man als Trader verliert.

Wenn Sie hingegen ein langfristig angierender Investor sind, sollten Sie überlegen, ob das Blut in der Gosse der Wall Street nicht das Zeichen dafür ist, selbst auf Einkaufstour zu gehen und Pferde in den eigene Stall zu bringen, die gerade keiner mehr haben möchte, obwohl sie vor wenigen Tagen noch als Königsweg zu Glück und Erfolg gefeiert wurden.

Zeit ist auch hier ein entscheidender Faktor. Aber anders als beim Traden gilt es nun, mit gespannter Aufmerksamkeit zu warten und erst dann seinen Fuß in die Tür zu setzen, wenn der Markt signalisiert, dass er sein Tief erreicht haben könnte.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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