Die Einschläge kommen immer näher

An der Börse ist eine Rezession anhand von sinkenden Kursen gut zu identifizieren. Aber die Börse ist immer nur ein Teil der ganzen Problematik und in diesem Fall sind die Finanzmärkte ganz gewiss nicht der entscheidende Teil. Denn bliebe das gefürchtete Rezessionsproblem allein darauf beschränkt, dass einzelne Anleger am Kapitalmarkt kurzzeitig Geld verlieren, wäre die Angst vor der Rezession erstens nicht so groß und zweitens auch nicht berechtigt.

Doch es geht um viel mehr. Es geht um mehr Geld als nur das der Anleger und es geht auch um alle Bereiche des Wirtschaftslebens. Deshalb gehen Rezessionen uns alle an. Jeder ist betroffen, wenn auch in unterschiedlicher Form und Stärke, und jeder reagiert auch auf seine ganz persönliche Weise auf die neue Gefahr und wird damit zu einem Teil des Gesamtsystems. So tragen wir alle am Ende mit dazu bei, die aufkommende Rezession zunächst zu beschleunigen, dann zu verlangsamen und schließlich zu beenden.      

Der Ausgangspunkt einer jeden Rezession ist ein Rückgang der Nachfrage. Er zeigt sich zunächst nur in einem Bereich oder einigen wenigen Bereichen. Hier wird als Erstes auf die veränderte Situation reagiert. Die Unternehmen tun das, indem sie ihre Prognosen anpassen, ihre Investitionen zurückfahren und einen Teil ihrer Mitarbeiter entlassen.

Die Löhne und Gehälter sinken oder steigen zumindest nicht mehr stark und über das Kaufverhalten der betroffenen Mitarbeiter kommt die Rezession zunehmend auch in anderen Teilen der Volkswirtschaft an, sodass am Ende auch der Frisör um die Ecke und der Einzelhändler in der Fußgängerzone seinen Umsatz sinken sieht.

Die psychologische Bremse ist nicht zu unterschätzen

Wer heute die Angst hat, morgen arbeitslos zu werden, der wird seinen Euro lieber zweimal umdrehen, bevor er ihn leichtfertig für etwas ausgibt, was nicht zwingend benötigt wird. An dieser Stelle ist die Vorstellung oftmals bedeutsamer als die Realität. Etwa dann, wenn ein noch nicht gekündigter Arbeitnehmer allein aus Angst vor einer möglichen Kündigung plötzlich den Autokauf verschiebt und den Urlaub um eine Woche zusammenstreicht.

Erst wenn die Masse der Bevölkerung wieder Hoffnung schöpft und zuversichtlicher in die eigene Zukunft schaut, wird diese Zurückhaltung langsam aufgegeben. An dieser Stelle erwächst Regierungen und Notenbanken regelmäßig ein Problem, denn man kann Hoffnung und Zuversicht wecken, aber man kann sie nicht befehlen.

Zerstören kann man sie aber sehr wohl. In der Vergangenheit haben die niedrigen Zinsen an dieser Stelle bereits kontraproduktiv gewirkt. Gekommen sind sie mit der Begründung, dass sie die Krise schneller beenden sollen. Verbunden waren sie mit dem Versprechen, dass anschließend wieder zum normalen Zustand zurückgekehrt wird.

Diese Rückkehr gab es jedoch nicht, was nach den Gesetzen der formalen Logik für die meisten Menschen bedeutet, dass die Krise immer noch anhalten muss. Wie mag es auf diese Menschen wohl wirken, wenn in einer solchen Situation die US-Notenbank, wie Anfang März geschehen, plötzlich und außer der Reihe die Zinsen senkt?

Wenn das mal kein Eigentor wird

Wenn es sich dann auch noch bei dem Zinsschritt um einen großen Zinsschritt handelt, dürfte die Grundlage für Vorsicht und größere Sparsamkeit auf Seiten der Bevölkerung gelegt sein. Da trifft es sich gut, dass man aus Angst vor dem Corona-Virus die eigenen Wände ohnehin lieber nicht mehr verlässt. Auch der Bote, der das Paket aus dem Versandhandel bringt, könnte ein potentieller Virenträger sein. Also lieber das eigen Portemonnaie schönen und die eigene Gesundheit schützen, indem man im Zweifelsfall nicht bestellt.

Es ist an dieser Stelle nicht entscheidend, ob die Sorgen und Befürchtungen berechtigt sind oder nicht. Sobald sie da sind, werden sie wirken. Darin liegt derzeit die große Gefahr. Die Zeichen einer herannahenden Rezession sind unverkennbar. Wäre es anderes, hätte die US-Notenbank Anfang März ihre Zinsen nicht spontan gesenkt.

Trotzdem könnte die als Hilfe und Unterstützung gedachte Geldpolitik dieses Mal nicht stützend, sondern verheerend wirken. Denn wer Angst hat vor einer Rezession und dem Verlust seines Arbeitsplatzes, der braucht eine berechtigte und tragfähige Perspektive für die eigene Zukunft, nicht aber einen neuen Kredit, von dem er nicht weiß, wie er ihn als Arbeitsloser zurückzahlen soll.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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