Haben sich Russen und Saudis beim Öl verkalkuliert?

Die Kursrückgänge an den internationalen Börsen sind im März auch deshalb so stark ausgefallen, weil zusätzlich zum Corona-Virus auch noch die Nachricht vom Ölpreiskrieg zwischen Saudi-Arabien und Russland die Märkte erschütterte. Ihn hatte zuvor kaum ein Anleger auf dem Schirm.

Entsprechend harsch fielen die Reaktionen aus. Der Ölpreis stürzte nicht nur ein wenig ab, sondern Schockwellen erfassten nicht nur die Branche, sondern gleich den gesamten Markt. Insbesondere in den USA schlugen die Wellen hoch, denn hier benötigen die Schieferölproduzenten Ölpreise Preise zwischen 40 und 50 US-Dollar, um profitabel arbeiten zu können.      

Der Ölpreis kam aber sehr viel weiter zurück. Er unterschritt Mitte März sogar die Marke von 30 US-Dollar je Barrel und kam erst knapp unterhalb der Tiefs aus dem Jahr 2016 zum Stillstand. Auf den ersten Blick sieht es damit so aus, als wäre die Aktion, obwohl sie längst noch nicht beendet ist, bereits als voller Erfolg zu werten.

Ein zweiter Blick auf die Kontrahenten zeigt aber sehr schnell, dass dem nicht so ist, denn das, was in den letzten vier Wochen am Ölmarkt geschehen ist, könnte selbst den Russen und Saudis viel zu weit gehen. Auch trifft der Schaden, der entstanden ist, längst nicht nur die US-amerikanische Konkurrenz.

Opfer des eigenen Erfolgs?

Wir dürfen in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass alle Ölproduzenten auf die Einnahmen aus ihrem Geschäft angewiesen sind. Es ist zwar richtig und in der gegenwärtigen Situation gewiss auch ein Vorteil, dass in Saudi-Arabien und Russland das Öl wesentlich preiswerter gefördert werden kann als in den USA.

Aber höhere Margen alleine reichen nicht. Mit den Einnahmen aus den Ölverkäufen werden in beiden Ländern auch die Staatshaushalte finanziert. Sie sind wie überall auf der Welt in den letzten Jahren eher gewachsen, was im Gegenzug bedeutet, dass auf der Einnahmenseite mehr Geld, unter anderem aus dem Ölhandel, benötigt wird.

An dieser Stelle wird der Ölpreiskrieg auch für Saudi-Arabien und Russland sehr schnell teuer und die Löcher im Staatshaushalt werden umso größer, je tiefer der Ölpreis fällt. Um die US-amerikanische Schieferölkonkurrenz aus dem Feld zu schlagen, hätte eigentlich ein Ölpreis knapp unterhalb der 40,00-US-Dollar-Marke je Barrel gereicht.

Bei Ölpreisen unter 30,00 US-Dollar je Barrel, leiden aber auch Russland und Saudi-Arabien. Beide dürften inzwischen stärker leiden als ursprünglich kalkuliert. Ewig hält weder das eine noch das andere Land diese massiven Einnahmeverluste aus. Aus diesem Grund könnte der Wendepunkt im Preiskrieg viel schneller auf uns zukommen, als es zunächst zu erwarten war.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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