Die Börse macht uns alle reich!

Es hat sich allgemein herumgesprochen, dass „Aktien langfristig die beste Kapitalanlage“ sind. In einer Manie kann dieses „langfristig“ manchmal sehr zur Freude der Anleger sogar sehr „kurzfristig“ sein. Und wenn es aufwärts geht, mit unserem Land unserer Firma und meinen Aktien, warum dann noch Fragen stellen? Ich habe nicht die Zeit dazu. Schließlich gilt es, neue attraktive, erfolgversprechende Aktien zu finden, vielleicht gar eine Neuemission.

Wer so denkt, dem sei an dieser Stelle geraten, mit dem Lesen inne zu halten und auf einen anderen Beitrag zu wechseln. Die nachfolgenden Aussagen zu lesen, dürfte doch nur als blanke Zeitverschwendung erachtet werden und könnte zusätzlich ein partielles Unwohlsein hervorrufen. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte ... Ach fragen Sie ruhig, wen immer Sie fragen wollen. Es ist mir egal. Tun Sie was Sie wollen. Es sind Ihre Schmerzen, nicht meine.

So, Sie haben sich also zum Weiterlesen entschlossen. Na schön. Wie gesagt, Ihre Entscheidung. Aber trotzdem: Pech für Sie, das Schlachtfeld der Argumente ist nämlich schon eigens für Sie vorbereitet und die Minenfelder dieses Artikels warten nur darauf, von Ihnen betreten zu werden. Also worauf warten Sie noch. Hereinspaziert – oder fehlt es Ihnen neuerdings an der nötigen Courage? Sie wissen ja, wenn Sie jetzt noch abbrechen, werden Sie sich in wenigen Augenblicken als Feigling und erfolgloser Verlierer fühlen. Einer jener Zeitgenossen, die mal wieder nicht geschnallt haben, warum es geht. Und zu denen wollen Sie doch nicht gehören, oder doch?

Halt! Es reicht!

Wenn jetzt etwas tief in Ihnen „es reicht“ schreien will oder Sie sich völlig irritiert die Frage stellen: „Worauf will der eigentlich hinaus?“, dann sind Sie genau an dem Punkt angekommen, an den ich Sie führen will.

Rekapitulieren wir einmal das, was in den vergangenen Sekunden vorgegangen ist. Nichts ahnend, unvoreingenommen oder vielleicht sogar in einer neugierigen Grundhaltung begegnen Sie dem Text und entschließen sich zu lesen. Ihre Grundhaltung ist eine wohlwollend offene. Sie bringen viel ein, investieren Zeit, schenken dem Autor Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.

Und dann so etwas: ein Autor, der Sie erst warnt weiterzulesen und dann persönlich angreift. Es wird unerwartet ernst. Der Kerl scheint Ihnen alles andere als wohlgesonnen zu sein. Mehr noch: Er provoziert Sie, macht sich über die Unsicherheit lustig, die jetzt so langsam aber sicher in Ihnen aufzusteigen beginnt. Um es kurz zu sagen: Der Mann hat Ihnen sozusagen den Krieg erklärt.

Und Sie? Sie träumten von angenehmer Lektüre oder einem friedlichen Gedankengang, der Ihr Wissen bereichert, und nun ist plötzlich Krieg. Krieg in all seiner Schärfe, in all seiner Lieblosigkeit. Hatten Sie, als Sie diese Enttäuschung realisierten, wirklich noch Interesse, wirklich noch Lust weiterzulesen?

Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, ob ich selber in einem fremden Text jetzt noch lesen würde. Und genau das ist der für mich entscheidende Punkt: Sind die eigenen Erwartungen – waren sie berechtigt oder nicht – enttäuscht worden, wendet sich der Mensch leicht ab. Manchmal für immer.

​Auf die Börse übertragen

Was ich hier exemplarisch am Beispiel des vom Autor angegriffenen Lesers deutlich machen wolle, dürfte für viele Neuinvestoren der letzten Jahre eine Entsprechung in ihrer persönlichen Börsenerfahrung haben.

Zunächst lockt die Börse. Neugier und eine ehrliche Offenheit bestimmen die Grundhaltung. Klassische Warnsignale werden zwar als solche wahrgenommen, doch zunächst noch nicht als das gedeutet, was sie sind: Warnsignale; geschweige denn geglaubt. Erst wenn die Hoffnung endgültig gestorben ist und die Brutalität einer feindlichen Wirklichkeit nicht mehr zu leugnen ist, vollzieht sich die Wendung.

Leicht wird nun der Weg ins andere Extrem vollzogen. Gestern tasteten die Augen begierig die Worte des Autors ab, heute ist man desillusioniert und morgen der Autor es nicht mehr Wert, überhaupt noch zur Kenntnis genommen zu werden – mögen seine Aussagen auch noch so viel Wahrheit enthalten. Die totalitäre Geisteshaltung eines „vorbei ist vorbei“, kennt weder Gnade noch Ausnahme.

Entsprechend rigoros wird das Urteil gefällt und entsprechend konsequent anschließend gehandelt. Wenn jetzt auch noch ein duldsamer Sündenbock zur Verfügung steht, den man gefahrlos in die Wüste schicken kann, brechen psychohygienisch betrachtet geradezu paradiesische Zustände an: Die Schuld trägt der Bock, die Wüste ist weit und das eigene Leben geht weiter, als sei nie etwas gewesen.

Selektive Wahrnehmung und Fremdattribution von Schuld

Mancher Neubörsianer handelt nicht anders: Gestern noch bei jeder Neuemission gezeichnet und allen heißen Tipps hinterhergerannt, heute unter großen physischen und psychischen Schmerzen Verluste realisiert und ab morgen werden lebenslänglich nur noch Bausparverträge gekauft.

Da es unter der Berater-, Guru- und Analystenschar an geeigneten Sündenböcken wahrlich nicht mangelt, ist auch dieses Problem schnell zur allgemeinen Zufriedenheit gelöst.

Und die Börse? Sie verkommt auf der persönlichen Ebene zu einem Phänomen längst vergangener Tage und auf der gesellschaftlichen zu einem Aktionsfeld für jene, die sich schon vorher dort bewegt haben.

Die subtil im kollektiven Unbewussten der Nation verankerte Behauptung der Überschrift „Die Börse macht uns alle reich“ hat damit ihren ersten Knacks bekommen.

Nicht alle werden reich, denn ein Teil hat sich bereits vorzeitig und endgültig abgewendet. Wenn also schon nicht „alle“ reich werden, weil „manche“ zu wenig Kondition und Durchhaltevermögen mitbringen, so könnte leicht der Eindruck entstehen, dass zumindest „einige“ reich werden können, sofern sie nur lange genug durchhalten.

Doch auch hier erweist sich selbst die abgewandelte Behauptung „Die Börse macht einige ausdauernde Investoren mit langfristigem Zeithorizont reich“ bei einigem Nachdenken ebenfalls als Lebenslüge unserer Gesellschaft, weil sie den feindlich gesonnenen Aspekt im Handeln der anderen Akteure übersieht.

Käufer oder Verkäufer – einer wird verlieren

Selbst der langfristigste aller Zeithorizonte vermag jenen Grundaspekt der Börse nicht außer Kraft zu setzen, der für ihre Funktionsweise wesensnotwendig ist: Käufer und Verkäufer sind grundsätzlich vollkommen anderer Meinung.

Wären sie es nicht, käme kein Handel zustande. Zum Zeitpunkt des Tausches von Aktien und Geld sind beide noch überzeugt, richtig zu handeln. Diese innere Überzeugung und der aktuelle Entschluss, augenblicklich zu handeln, ist für beide bestimmend und führt erst dazu, dass Käufer und Verkäufer im Handelskontrakt einander begegnen.

Alle anderen für das Eingehen des Kontrakts relevanten Faktoren trennen sie, nicht nur ein wenig, sondern fundamental. Ihre Positionen sind absolut unvereinbar, denn es gibt nur die Alternativen „kaufen“ oder „verkaufen“.

Eine Kompromisslösung, auf die sich beide verständigen könnten, existiert nicht. Sie kann auch gar nicht existieren, denn beide befinden sich in der klassischen Situation eines Nullsummenspiels: die Gewinne des einen sind die Verluste des anderen.

Ich oder Du?

Die schärfste Form der kompromisslosen „ich-oder-du-Variante“ wird zweifellos immer dann erreicht, wenn Menschen in kriegerischen Auseinandersetzungen aufeinandertreffen: Du oder ich, aber einer von uns wird sterben, verwundet oder gefangengenommen werden. Mit anderen Worten: Es geht um die pure physische Existenz des anderen, die durch das eigene Handeln massiv infrage gestellt wird.

Auch wenn die Börsenakteure einander nicht unmittelbar und in den meisten Fällen auch nicht absichtlich nach dem Leben trachten, so sind die Wirkzusammenhänge doch paralleler Natur.

Im Krieg trachten Menschen einander nach Leben und Gesundheit, an der Börse nach Geld und Finanzkraft. Wobei Letztere als Basis für das wirtschaftliche Überleben eines Menschen mittelbar auf seine Existenz durchschlagen kann. Für den Verlierer sind die Auswirkungen jeweils verheerend und im schlimmsten Fall existenzvernichtend.

Selbstverständlich wird jeder Börsenakteur geneigt sein, diese unangenehme Seite seines Handelns auszublenden und sich vermutlich eher in der Rolle des genialen Schachspielers sehen, der mit seiner überlegenen Vorgehensweise den Gegner bezwingt, als in der eines Feldherrn, dessen Strategie der Gegenseite materiellen Schaden zufügen will.

An dieser Stelle soll auch nicht geleugnet werden, dass ein Vergleich zwischen Krieg und Börse gewichtige Unterschiede zutage zu führen hat. Der Wesentlichste ist wohl der, dass die Mehrheit der Kriegsteilnehmer nicht auf freiwilliger Basis in das Geschehen involviert ist, sondern durch äußere Zwänge (Einberufungsbefehle der staatlichen Gewalt) und Zeitumstände, die außerhalb der eigenen Einflussmöglichkeiten liegen (Zivilbevölkerung im Kriegsgebiet), in den Gesamtzusammenhang eingebunden wird.

Dem gegenüber vollzieht sich die aktive Teilnahme am Börsengeschehen immer auf freiwilliger Basis, die eine selbständige Willensentscheidung eines autonomen Subjekts voraussetzt.

Ein Hoch auf die selektive Wahrnehmung

Im Erfolgsfall dürften reife wie weniger gereifte Charaktere gleichermaßen geneigt sein, die Gründe für den Erfolg in der eigenen Person zu verankern. Es war selbstverständlich „meine“ Entscheidung an die Börse zu gehen, „meine“ Aktienauswahl, „mein“ Durchhaltevermögen, das zum Erfolg geführt hat.

Im umgekehrten negativen Fall dürften wohl nur die wirklich reifen Zeitgenossen die innere Größe haben, zumindest sich selbst - vielleicht auch der Außenwelt - einzugestehen, dass es „ihre“ Entscheidung war, sich von der massiven Werbung der Bank beeinflussen zu lassen, „ihre“ Unlust, Aussagen kritisch zu hinterfragen, dafür verantwortlich war, dem Rat des Beraters, Gurus oder der Medien blindlings zu folgen und „ihre“ Abneigung, Verluste zu realisieren, dazu geführt hat, dass sie am Ende von Tag zu Tag größer wurden.

Sofern nichts und niemand die Grundwahrheit der Börse außer Kraft setzen kann, dass bei jedem Trade einer verlieren wird und die Gewinne des einen die Verluste anderen sein werden, beträgt die statistische Wahrscheinlichkeit jener Verlierer zu sein für Käufer wie Verkäufer prinzipiell 50 Prozent.

In Haussezeiten machen sich jedoch beide nur selten die Mühe, einen Augenblick inne zu halten und zu registrieren, dass die Hälfte aller getätigten Aktionen falsch war und deshalb besser unterblieben wäre.

Der Verkäufer einer Aktie, die nach dem Verkauf weiter steigt, kommt gar nicht in die Verlegenheit, sich lange mit dem quälenden Gefühl auseinanderzusetzen, der Verlierer dieses speziellen Trades zu sein, denn in vielen Branchen locken zahllose Aktien, die zu einem Neuengagement reizen und interessante Gewinne versprechen.

Das Gespür für die an der Börse stets lauernde Verlustgefahr kann so leicht verloren gehen und einer neuen omnipotenten Selbstüberschätzung („Egal, was ich mache, am Ende stehe ich finanziell immer besser da als vorher.“) den Weg ebnen.

Das vermeintliche Recht auf Börsengewinne ...

Mal abgesehen davon, dass der Prozess der Ernüchterung in einer Baisse um so abrupter einsetzen und heftiger ausfallen wird, je konsequenter die Verlustgefahr zuvor ausgeblendet wurde, hat die selektive Wahrnehmung von Chance und Risiko noch eine zweite höchst bedenkliche Konsequenz: Sie äußert sich in dem offen oder subtil erhobenen Anspruch, ein quasi natürliches Recht auf Börsengewinne zu haben.

Unreflektiert werden in einer derartigen Geisteshaltung gerne fremde Musterdepots blindlings nachgebildet und geeignete Strategien zur schnellstmöglichen Gewinnmaximierung aktiv entworfen oder passiv konsumiert.

Massiv sichtbar wird sie jedoch erst dann, wenn der selbst formulierte Anspruch oft genug enttäuscht wurde und sich eine ohnmächtige Wut gegen Sündenböcke gleich welcher Art ihre Bahn bricht.

… und der Umgang mit Enttäuschungen

Ausgeblendet wird dabei vollkommen, dass gar nicht „alle“ das Musterdepot nachbilden können, denn wer verkauft eine Aktie, die „alle“ ausnahmslos kaufen wollen?

Etwa ein gutmütiges altes Mütterchen, das am Ende seines erfüllten Lebens der Allgemeinheit noch einmal etwas Gutes tun und alle anderen am eigenen Wohlstand teilhaben lassen will? Oder das verdatterte alte Väterchen, dessen geistige Spritzigkeit im Laufe der Jahre bedauerlicherweise auf der Strecke blieb?

Und wenn „alle“ mit ein und derselben Strategie Geld, Glück und Erfolg an der Börse realisieren wollen, so kann das ebenfalls niemals für „alle“ funktionieren, denn wer steht auf der anderen Seite des Trades? Wer kauft, wenn „alle“ verkaufen wollen, wer verkauft, wenn „alle“ kaufen wollen?

Clausewitz statt Börsenbrief?

Ein einzelner besonders befähigter Stratege an der Börse wie im Krieg mag viele Schlachten und Feldzüge für sich entscheiden können – vielleicht sogar alle, doch bei jedem seiner Siege steht ihm jenseits des Schlachtfelds ein unterlegener Stratege gegenüber.

Die Börsenerfolge eines jeden Anlegers – seien sie groß oder klein – verdienen in jedem Fall unseren anerkennenden Respekt. Beliebig reproduzierbar und auch auf „alle“ anderen Investoren übertragbar sind sie nicht.

So steht am Ende auch dieses Gedankengangs wieder die ernüchternde Erkenntnis, dass die kollektive Erwartung „Die Börse macht uns alle reich!“ eine Lebenslüge unserer Gesellschaft ist und es immer bleiben wird.

Die märchenhaft anmutenden Millionengewinne des erfolgreichen Investors sie entsprechen immer den realen Millionenverlusten der an Erfahrung reicheren, aber materiell ärmeren Verlierer.

Keine gute Fee, kein Märchenprinz und kein Fabelwesen kann daran etwas ändern, denn außer bei Neuemissionen fließt kein Geld in den Aktienmarkt. Traurig aber wahr.

Was tun? Sich enttäuscht und ernüchtert abwenden? Den Börsenbrief abbestellen und statt dessen intensiv Clausewitz „Vom Kriege“ lesen? Eine Militärakademie besuchen?

Die Entscheidung liegt wieder mal bei Ihnen, bei wem sonst? Wenn Sie sich zurückziehen wollen, weil Ihnen das Ganze zu gefährlich erscheint, ziehen Sie sich ruhig zurück, denn seine Grenzen zu erkennen und zu respektieren ist weder Schande noch Zeichen von Charakterschwäche und es ist allemal besser als „einen traurigen Helden des Börsenparketts“ abgeben zu wollen.

Entschließen Sie sich jedoch zu kämpfen, werden Sie als normal begabter Zeitgenosse wohl nicht umhinkommen, Ihre „strategischen Hausaufgaben“ selber zu machen.

Geniale Führungspersönlichkeiten gleich welcher Art können Anregungen und Hilfestellungen geben. Den eigenen Weg stellvertretend für Sie gehen, können diese Herrschaften nicht. Das sollten Sie selbst in die Hand nehmen und keinem anderen überlassen.

Erstveröffentlichung 27. Dezember 2000​


Mehr als vierzehn Jahre sind seit dem Platzen der 'New Economy'-Blase vergangen. Viele der damals von den Anlegern lautstark bejubelten Aktien sind inzwischen tief gefallen.

Einige der Gurus auch. Doch das System nahm keinen dauerhaften Schaden. Die Gier nach Macht und Geld regiert noch heute die Welt im Allgemeinen und die Wall Street im Besonderen.

Wer wissen will, warum die Gier die Börse regiert und wie sie es tut, sollte dieses Buch gelesen haben.

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