Die Gegenwart ist nicht immer der beste Weg sich die Zukunft vorzustellen

An der Börse werden die aktuellen Kurse gehandelt. Die vergangenen sind aus den Charts bekannt und doch richten sich all unsere Ambitionen auf die noch im Dunkel liegende Zukunft. Wäre niemand bestrebt, in der Zukunft Gewinne zu erzielen, gäbe es heute mit Sicherheit keinen Handel. Damit wird insbesondere unsere Vorstellung von der Zukunft entscheidend für die Aktionen, die wir in der Gegenwart setzten.

Der bekannte Ausspruch 'Es kommt oft anders, als man denkt' umschreibt treffend die Schwierigkeiten, vor denen wir dabei stehen. Bei dem Bemühen, sich die Zukunft vorzustellen, scheitert die Menschheit immer wieder grandios, weil sie das Moment der Veränderung nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt.

Es ist absolut legitim vom durch Vergangenheit und Gegenwart vorgegebenen Istzustand auszugehen, denn wir haben keine andere Basis, auf der wir unsere Erwartungshaltung bezüglich der Zukunft aufbauen können.

So weit so gut sollte man meinen. Doch das Problem liegt mal wieder im Detail, weil wir dazu neigen, die Strukturen, die wir in unserer aktuellen Welt fraglos vorfinden, ebenso fraglos auf die Zukunft zu übertragen.

Hollywood: Ist der Fortschritt ein Rückschritt?

Auf unterhaltsame Art wird uns diese Vorgehensweise vor Augen geführt, wenn Hollywoods Sternenkrieger in einem angeblich „zukünftigen“ Krieg wie mittelalterliche Ritter mit Laserschwertern aufeinander losgehen. Die mittelalterliche Schlachtstruktur 'Schwertkampf' wird um das Element 'Laserschwert' leicht abgewandelt 1:1 in die Zukunft extrapoliert.

Man mag jetzt einwenden, dass Hollywood eine eigene Welt ist und man hier etwas nachsichtiger mit den Damen und Herren Regisseuren umgehen sollte. Doch diesen Einwand werde ich nicht gelten lassen, denn in der realen Welt gehen wir genauso vor und übertragen bestehende Strukturen gedankenlos 1:1 in die Zukunft. Oftmals mit tödlicher Konsequenz und damit sollte klar sein, dass der Spaß spätestens an dieser Stelle aufhört.

Traditionelles Denken führt immer wieder in die Sackgasse

In diesem Jahr wird sehr oft an den Beginn des Ersten Weltkrieges erinnert. Wir erinnern uns an Ereignisse, Reden und Schlachten und übersehen dabei leicht, warum dieser Krieg überhaupt zu Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts werden konnte.

Auf den Punkt gebracht könnte man sagen, der Krieg, den man sich in Europa im Sommer 1914 vorstellte, war nicht der Krieg, den man ab August erlebte und vier Jahre lang durchlitt. Man träumte von einer Neuauflage der „überschaubaren“ Kriege des 18. Jahrhunderts und bekam stattdessen die mörderischen Schlachten von Verdun und an der Somme.

Wir sehen heute die Bilder vom Jubel, der beim Kriegsausbruch herrschte, und fragen uns befremdet, warum man das drohende Unheil nicht hat kommen sehen. Eine Antwort auf diese Frage ist, dass führende Militärs auf beiden Seiten der Front lieber in überkommenen Vorstellungen vom Krieg verharrten als sich der modernen Realität zu stellen.

An dieser Stelle verschwindet der Spaßgedanke eines Hollywood Kassenschlagers und die ganze Angelegenheit wird unangenehm blutig. Das Maschinengewehr war 1914 keine wirklich neue oder gar revolutionäre Waffe. Es war schon vor Kriegsausbruch lang genug bekannt. Nur hatte sich niemand die Mühe gemacht, über die Konsequenzen, die seine Einführung mit sich brachte, gründlich nachzudenken.

Mit falschen Vorstellungen in die Katastrophe

Statt Veränderungen zu antizipieren und gedanklich in allen ihren Konsequenzen durchzuspielen, hat man weiterhin in überkommenen Strukturen gedacht und das Strukturmuster 'Schlacht' beinhaltete damals noch bunte Uniformen, Offiziere mit gezogenem Degen vor der Front und auf den Flanken auf Pferden angreifende Reiter.

So kam es, dass die französischen Soldaten im August 1914 mit roten Hosen und blauen Röcken gegen die bereits in feldgrau gekleideten Deutschen in die Schlacht zogen und die Bamberger 'Kaiserulanen' am 11. August 1914 mit Lanzen bewaffnet nahe dem lothringischen Dorf Lagarde eine Attacke zu Pferd gegen gut verteidigte französische Infanterie- und Artilleriestellungen ritten.

Der „tollkühne Husarenritt“ gilt unter Militärhistorikern heute als der letzte erfolgreiche Kavallerieangriff der Kriegsgeschichte. Unangenehm für die Militärführung wie für die an der Schlacht beteiligten Ulanen war nur, dass die Mehrzahl der Reiter (7 Offiziere und 151 Reiter aus den Mannschaftsdienstgraden) den Sieg nach dem Ende der Schlacht nicht mehr mitfeiern konnte, weil sie während des Tages den eigentlich vorhersehbaren Tod im feindlichen Kugelhagel gestorben war.

Sind die Kapitalmärkte gegen diese Gefahr immun?

Was hat das alles mit der Börse zu tun? Im ersten Augenblick nicht viel, so will es zumindest erscheinen. Doch der Eindruck trügt. In beiden Fällen geht es darum, die Zukunft angemessen zu antizipieren. In beiden Fällen bilden Vergangenheit und Gegenwart die Ausgangsposition für zukünftige Entwicklungen und in beiden Fällen gibt es auch irgendwelche Hügel, auf denen sich Feldherren und begnadete Trader und Investoren an ihren genialen Strategien und Schlachtplänen berauschen.

Wer Aktien fundamental analysiert, schaut sich vergangene Bilanzen und Kennzahlen an und kommt dann zu dem Schluss, dass wenn das Unternehmen auch weiterhin so gut oder so schlecht wirtschaftet, die Aktie in einem Jahr bei einem Kurs von X Euro stehen sollte.

Der Charttechniker macht Ähnliches. Auch er schaut sich alte Bewegungsmuster an und sagt dann im Brustton tiefster Überzeugung: 'Wenn diese Linie über- oder unterschritten wird, dann sollte die Aktie auf X Euro steigen oder fallen'.

Was beide zumeist nicht auf ihrer Rechnung haben ist, dass es auch ganz anders kommen kann und dass das Ergebnis am Ende nicht 'X', sondern 'Y' oder sogar 'Z' lauten kann.

Immer auch mit dem scheinbar 'Unmöglichen' rechnen

Damit soll jetzt weder der Charttechnik noch der fundamentalen Analyse ihre Berechtigung abgesprochen werden. Im Gegenteil: Beide sind wichtig und für unsere Anlageentscheidungen unverzichtbar. Ohne sie könnten wir Anleger nur noch raten, würfeln oder Münzen werfen.

Doch wir dürfen nie vergessen, dass wir es an der Börse trotz bester Analysetechniken und Systeme immer nur mit Wahrscheinlichkeiten zu tun haben. 'Variante A' mag in der Tat um einiges wahrscheinlicher sein als 'Variante B', doch das bedeutet nicht, dass auch das scheinbar 'Unmögliche' möglich werden kann.

Dies sollten wir als Anleger und Trader stets im Hinterkopf behalten, wenn wir in diesen Tagen beim DAX in die „Schlacht um die 8.900 Punkte Marke“ ziehen oder uns beim Gold einen harten Kampf um das 1.180 US Dollar Niveau liefern.

Sonst könnte es leicht geschehen, dass der eine oder andere Investor nach einiger Zeit das Gefühl hat, mit roten Hosen in die Schlacht gezogen zu sein oder eine Kavallerieattacke gegen gut ausgebaute Maschinengewehrstellungen zu reiten.


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